Geflüchtete integrieren: Jobs für Ukrainerinn...
Geflüchtete integrieren

Jobs für Ukrainerinnen gibt es genug

Picture Alliance/dpa/Frank Hammerschmidt
Flucht vor dem Krieg: Über 300 000 Menschen haben die deutsche Grenze passiert. Wie viele Arbeit suchen werden, ist ungewiss.
Flucht vor dem Krieg: Über 300 000 Menschen haben die deutsche Grenze passiert. Wie viele Arbeit suchen werden, ist ungewiss.
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Auf den schrecklichen Krieg in der Ukraine reagieren viele Unternehmen mit großer Hilfsbereitschaft und Solidarität. Dazu gehört, die hier ankommenden Kriegsflüchtlinge mit Arbeitsplätzen zu versorgen. Extra für sie geschaffene Jobbörsen füllen sich mit Angeboten. Doch beim Gewinnen der neuen Arbeitskräfte ist Geduld gefragt.

Noch ist mit vielen Fragezeichen versehen, wie viele der über 300 000 Menschen, die sich nach Deutschland geflüchtet haben, bald auf Jobsuche gehen, mittelfristig bleiben wollen oder müssen. Es handelt sich zumeist um Mütter mit Kindern, aber auch ältere Frauen und Männer. "Sie suchen Schutz und Sicherheit in einer unvorstellbaren Situation. Im Vordergrund steht derzeit die humanitäre Unterstützung", macht Vanessa Thalhammer von der Bundesagentur für Arbeit Berlin-Brandenburg deutlich. Erst wenn die Fragen rund um Erstversorgung, Wohnen und Kinderbetreuung geklärt seien, könnten die Menschen auf dem Arbeitsmarkt ankommen.

Auch eine Firma wie Ikea, die öffentlich Jobofferten für Ukrainerinnen angekündigt hat, bittet um einige Wochen Geduld, bevor man sich zur Nachfrage nach Arbeit äußern will. Zu früh für eine Einschätzung, winken auch Aldi Süd und Douglas ab. "Selbstverständlich bietet die Rewe Group in Deutschland verschiedenste offene Stellen für ukrainische Geflüchtete an", sagt Dr. Daniela Büchel, Bereichsvorstand Handel Deutschland Nachhaltigkeit & HR. Abhängig von beruflichen Vorerfahrungen, Ausbildung und Sprachkenntnissen kämen unterschiedliche Jobprofile in Frage – von der IT über Logistik bis hin in den Verkauf. Darauf habe Rewe sich vorbereitet: Um den Bewerbungsprozess und die Kontaktaufnahme zu erleichtern, kann seit zwei Wochen auf der Stellenbörse auch auf Ukrainisch gechattet werden.
Voraussetzungen schaffen
•Arbeitsgenehmigung:
Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine müssen keinen Asylantrag stellen, sondern beantragen bei den Ausländerbehörden Aufenthaltserlaubnis und Arbeitsgenehmigung nach §24 AufenthG. Wer den Aufenthaltstitel mit dem Vermerk "Erwerbstätigkeit erlaubt" bekommt, darf arbeiten und hat Zugang zu Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Dies gilt ab Vorlage der vorläufigen sogenannten Fiktionsbescheinigung.
•Anerkennung von Abschlüssen/ Sprach- und Integrationskurse: Hier ist noch viel im Entstehen. Überblick auch auf ukrainisch bietet das Hilfsportal des BMI "Germany4Ukraine".

"Darüber hinaus kooperieren wir mit einigen großen Stellenbörsen, um gezielt Angebote für ukrainische Geflüchtete zu schaffen und dort sichtbar zu machen", so Büchel. Diese Angebote würden dann auch entsprechend übersetzt. Ebenso sei Rewe in Kontakt mit den zuständigen Behörden, um die administrativen Erfordernisse zu klären und dann in den betrieblichen Prozessen berücksichtigen zu können. "Insgesamt kann man jedoch sagen, dass die Nachfrage im Moment noch sehr gering ist, da viele ukrainische Geflüchtete erst einmal damit beschäftigt sind anzukommen", beobachtet Daniela Büchel. 

Angela Köth von der hessischen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit bekennt offen, dass sie keinerlei Zahlen hat zu potenziell Jobsuchenden. "Sie müssen sich ja auch nicht zwingend bei uns melden, wenn sie direkt einen Arbeitgeber finden." Sicher ist, die Chancen sind gut: 840 000 offene Stellen hat allein die Arbeitsagentur im Angebot, mindestens genauso viele kommen über private Stellenbörsen hinzu. Mit Zahlen zu Jobsuchenden rechnet Köth im Mai. Zuvor müssen jedoch die Ausländerbehörden den schnellen Zustrom der Anwärter auf Aufenthalts- und Beschäftigungsgenehmigungen abarbeiten und potenzielle Fachkräfte aus dem Kriegsgebiet sich um Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse bemühen.
„Die Nachfrage nach Arbeit ist im Moment noch sehr gering, da viele ukrainische Geflüchtete erst einmal damit beschäftigt sind, anzukommen“
Daniela Büchel, Rewe- Bereichsvorstand HR


Die Bundesagenturen seien gut vorbereitet. "Wir haben in den Jahren der Flüchtlingskrise 2014 / 2015 umfangreiche Erfahrungen gemacht und Netzwerke mit allen Beteiligten aufgebaut, auf die wir jetzt zurückgreifen können", sagt Vanessa Thalhammer. "Werfen Sie gerne einen Blick auf unsere - ukrainischsprachige - Landingpage: https://www.arbeitsagentur.de/ukraine." Gut aufgestellt sei man auch in Hinsicht auf eine Beratung und Unterstützung Alleinerziehender. Für Integrationskurse und Sprachkurse und deren konkrete Ausgestaltung seien aktuell noch Informationen abzuwarten. Sie können sowohl von Seiten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als auch von den Jobcentern ermöglicht werden.

"Sollte Bedarf da sein, kann die BA wie in den Jahren 2014 bis 2017 gesonderte Teams schaffen, die sich um Vertriebene und Geflüchtete kümmern und sie gezielt bei der Integration in Arbeit und Ausbildung unterstützen", sagt Thalhammer. "Wir haben auch Kolleginnen und Kollegen, die ukrainisch sprechen und die sich bereits gemeldet haben, um zu helfen." Daneben erweitere die BA eine bestehende Kooperation mit einer Dolmetscherhotline, die die eigenen Mitarbeiter bei der Kommunikation mit den Menschen aus der Ukraine unterstützen wird.

Die in Berlin ansässige Bio Company hat zum Thema Ausbildung schon bei der IHK vorgefühlt. "Alle bereiten sich vor, aber es gibt noch keine Bewerbungen um Ausbildungsplätze und noch keine Integrations- und Sprachkursangebote", erklärt die Ausbildungsleiterin Karin Koch. Auch die Bilanz einer der Spezial-Jobbörsen, jobaidukraine.com, zeugt einen Monat nach ihrem Start nicht von Vermittlungsboom – trotz einer Million Seitenzugriffe: 14 000 angebotene Stellen führten zu 1 500 Bewerbungsgesprächen.

Dass allzu proaktives Werben um Arbeitskräfte nicht gut ankommt, musste gerade Tönnies erfahren: Direkt an der polnisch-ukrainischen Grenze verteilten Mitarbeiter kürzlich Handzettel, auf denen sie Arbeit, Wohnraum und die Weiterfahrt nach Deutschland anboten. Tönnies erntete den Vorwurf, Flüchtlinge ausbeuten zu wollen und entschuldigte sich öffentlich für Voreiligkeit: Sämtliche weitere Maßnahmen würden nun mit der Politik und den Behörden abgesprochen.



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