Interview mit Brendan Burchell: "Es gibt kein...
Interview mit Brendan Burchell

"Es gibt kein einheitliches Maß für Effizienz"

CHRISTOPHER COX
Brendan Burchall, Soziologie-Professor an der Universität Cambridge
Brendan Burchall, Soziologie-Professor an der Universität Cambridge
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Interview mit Brendan Burchell
"Es gibt kein einheitliches Maß für Effizienz"
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Eine der größten Studien zur 4-Tage-Woche wird im Juni dieses Jahres in Großbritannien beginnen. Das Projekt wird unter anderem von Brendan Burchall, Soziologe an der Universität Cambridge, wissenschaftlich begleitet.

Das Pilotprojekt sieht ganz nach einem transatlantischen Projekt aus?

Ja, das stimmt. Es wird 53 Teilnehmer im Vereinigten Königreich geben, sechs in Irland und eine weitere Gruppe in den USA. Ich denke, es handelt sich um eines der größten Pilotprojekte, die in diesem Jahr weltweit stattfinden. Das Boston College wird unser Kooperationspartner in den USA sein.



Was genau ist Ihre Rolle in diesem Projekt?

Wir werden sehr offene Interviews mit den teilnehmenden Arbeitgebern über die Vor- und Nachteile führen, um herauszufinden, was sie motiviert und welche Erfahrungen sie während des Versuchs gemacht haben. Wurden ihre Erwartungen erfüllt und was würden sie ändern? Gibt es Probleme, die sie nicht vorhergesehen haben?



Welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung der 4-Tage-Woche für Einzelhandelsbetriebe, Beschäftigte im Gastgewerbe oder für das Personal im Gesundheitswesen?

Eine der Herausforderungen wird es sein, herauszufinden, wie gut sich die 4-Tage-Woche auf Branchen mit Kundenkontakt ausdehnen läßt. Für einige Unternehmen könnten technische Lösungen in Betracht gezogen werden, zum Beispiel die Verlagerung auf das Internet im Handel. Einige Unternehmen müssen sicher mehr Mitarbeiter einstellen.



Ein Ladenbesitzer, der seine Öffnungzeiten beibehalten möchte, muss mehr Personal einstellen, was zu höheren Betriebskosten führt.

Es gibt einige schwierige Entscheidungen zu treffen, vor allem, wenn es zu Gewinneinbußen kommen könnte. Wenn alle anderen Ladenbesitzer mit dem gleichen Problem konfrontiert werden, wie die 4-Tage-Woche umzusetzen, werden vielleicht die Preise steigen. Aber wenn die Preise steigen, weil die Beschäftigten im Laden mehr verdienen und damit mehr Anerkennung erhalten, könnte das eine gute Sache sein.



Besteht die Gefahr, dass mit der 4-Tage-Woche eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht? Diejenigen, die Berufe haben, die flexible Arbeitszeiten erlauben, und diejenigen, die das nicht haben.

Wir sind bereits eine gespaltene Gesellschaft. Es gibt Menschen in gut bezahlten, qualifizierten Jobs und Menschen in schlecht bezahlten Jobs. Die einzige Möglichkeit, wie das gelöst werden kann, wäre ein Gesetz, das die Arbeit auf vier Tage begrenzt. Aber vielleicht wird die 4-Tage-Woche ganz von selbst langsam zur neuen Normalität.

Durch eine verkürzte Arbeitszeit gibt es die unterschiedlichsten Vorteile für Beschäftigte. So könnten zum Beispiel Männer und Frauen, letztere arbeiten im Durchschnitt weniger Stunden pro Woche, eine gleich lange Arbeitszeit entwickeln. Das könnte die Kluft zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Bezahlung schließen und außerdem zu einer gleichberechtigten Teilung der Kindererziehung führen.



Wenn die Menschen sich auf andere Dinge als die Arbeit konzentrieren, könnte das geplante Pilotprojekt dazu beitragen, den Übergang in den Ruhestand zu erleichtern.

Das ist ein guter Punkt. Da wir länger und gesünder leben, könnte man damit beginnen, nur 4 Tage zu arbeiten. Ab dem 60sten Lebensjahr, könnte die Arbeitszeit auf drei Tage und bei Erreichen der 70 auf zwei Tage reduziert werden. Bei einer 5-Tage-Woche ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Arbeitnehmer mit 50 Jahren einen Burnout hat.



Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich von dem Pilotprojekt und wie messen Sie die Effizienz?

Es gibt kein einheitliches Maß für die Effizienz, da alle teilnehmenden Unternehmen unterschiedliche Ziele haben, obwohl die Produktivität gleich bleiben sollte. Einige müssen vielleicht mit höherer Geschwindigkeit oder wirtschaftlicher arbeiten. Andererseits könnte es bei einer verkürzten Wochenarbeitszeit zu einem Anstieg des Stressniveaus und zu psychischen Gesundheitsproblemen kommen. Manche Menschen haben zum Beispiel noch nie über ihre Freizeit nachgedacht. Es ist wichtig, dass das Projekt über einen längeren Zeitraum läuft, damit wir uns viele verschiedene Faktoren ansehen können.



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