Massiver Personalmangel : US-Handel investier...
Massiver Personalmangel

US-Handel investiert in Qualifikation

Walmart
Karrierechance: Mitarbeiter an der Walmart-Academy. Ohne Finanzierung durch den Arbeitgeber scheuen viele den Abschluss.
Karrierechance: Mitarbeiter an der Walmart-Academy. Ohne Finanzierung durch den Arbeitgeber scheuen viele den Abschluss.
Anhören

Merken

Massiver Personalmangel
US-Handel investiert in Qualifikation
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Mit der wirtschaftlichen Erholung nach den Covid-Lockdowns verspürt der US-Einzelhandel einen akuten Personalmangel. Branchenriesen wie Walmart, Amazon und Target reagieren jetzt mit Bildungsinitiativen, die Talente ins Unternehmen locken und bestehende Mitarbeiter zu weiterer Qualifikation animieren sollen.

Bildung ist in Amerika teuer, eine klassische duale Ausbildung wie in Deutschland gibt es nicht. Händler übernehmen nun vermehrt die Kosten für ein Studium, um Mitarbeiter anzulocken, langfristig zu halten und ihre Qualifikation zu verbessern: Im Juli kündigte Walmart an, die Studiengebühren seiner Beschäftigten zu übernehmen. Im August folgte Wettbewerber Target mit dem Angebot einer kostenlosen College-Ausbildung für seine Teilzeit- und Vollzeitmitarbeiter. Und im September verkündet nun Amazon, bis 2025 satte 1,2 Milliarden Dollar in künftige College-Abschlüsse der Mitarbeiter investieren zu wollen, so ein interner Blogeintrag. Amazon will die Gebühren sogar im Voraus zahlen, damit die Angestellten ihr Studium nicht vorfinanzieren und auf die Rückzahlung warten müssen. Der Online-Händler will die Hürde gering halten.

Die Unternehmen reagieren damit auf einen akuten Arbeitskräftemangel in den USA und wollen Mitarbeiterfluktuation verhindern.US-Einzelhandelsriese Walmart möchte in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde US-Dollar in die karriereorientierte Ausbildung und Entwicklung seines Personals in den Vereinigten Staaten investieren. Rund 1,5 Millionen Teilzeit- und Vollzeitmitarbeiter wären damit in der Lage, einen College-Abschluss zu erwerben oder handwerkliche Fertigkeiten zu erlernen, ohne dass sie einen Studienkredit aufnehmen müssen.

Wettbewerber Target bietet ähnliche Incentives. Ab diesem Herbst haben Team-Mitglieder Anspruch auf schuldenfreie Unterstützung für ausgewählte Studienabschlüsse, kostenlose Lehrbücher und vieles mehr, verkündet der nach Walmart zweitgrößte Discounter des Landes. Die Leistung wird jedem der über 340 000 Mitarbeiter in den Filialen und Vertriebszentren vom ersten Tag des Arbeitsantritts an angeboten. Target hat dafür 200 Millionen Dollar in den nächsten vier Jahren vorgesehen.

Target-Mitarbeiter können an mehr als 40 Schulen, Colleges und Universitäten Kurse besuchen und dabei aus über 250 geschäftsorientierten Programmen wählen, ohne dass ihnen Kosten entstehen – von Business Management und Operations bis hin zu IT, Informatik, Design und mehr, teilt eine Sprecherin des Konzerns auf Anfrage mit. Darüber hinaus plant Target, den bestehenden Mitarbeitern bei der Begleichung von Studienschulden zu helfen.
Investition: Target fördert die Fachkompetenz auch bei stundenweise Beschäftigten.
Target
Investition: Target fördert die Fachkompetenz auch bei stundenweise Beschäftigten.


Die Bildungsinitiativen der Einzelhandelsriesen sind nicht ganz neu, beide hatten schon vorher Anreize zur Mitarbeiter-Fortbildung angeboten. Walmart rief 2018 sein Bildungsprogramm ‚Live Better U‘ (LBU) ins Leben, das den Angestellten helfen soll, innerhalb des Unternehmens voranzukommen. Die Teilnehmer zahlen pro Tag einen Dollar für die Teilnahme an dem Programm. Mehr als 52 000 Mitarbeiter haben nach Angaben von Walmart seitdem an LBU teilgenommen und 8 000 haben einen Abschluss gemacht. Allerdings sind das weniger als 2 Prozent der US-Belegschaft. In diesem Sommer haben sich rund 28 000 Mitarbeiter für das LBU-Programm angemeldet, das ab August nichts mehr kosten wird.

Target bietet seit mehr als zwei Jahrzehnten ein traditionelles Programm zur Erstattung von Studiengebühren für berufsbezogene Kurse an Fach- und Hochschulen oder Universitäten an. Bis zu 3 000 US-Dollar für Bachelor-Studiengänge, 4 000 US-Dollar für Graduiertenstudiengänge und 5 250 US-Dollar für MBA-Studiengänge (Master of Business) werden dabei erstattet. Das soll auch künftig eine Option bleiben.

Andere große US-Unternehmen, darunter Foodservice-Filialist Chipotle und Starbucks, locken ihre Bewerber ebenfalls mit freien Lernangeboten. Chipotle bietet seinen Mitarbeitern seit 2019 schuldenfreie Abschlüsse an und hat das dazugehörige Programm im April auf 10 Colleges und 100 verschiedene Studiengänge ausgeweitet, unter anderem in den Bereichen Landwirtschaft, Gastronomie und Hotellerie. Kaffeeriese Starbucks gilt als Vorreiter von Leistungsprogrammen. Jeder seiner Teil- oder Vollzeitbeschäftigten in den USA, der Anspruch auf Sozialleistungen hat, erhält 100 Prozent der Studiengebühren für einen ersten Bachelor-Abschluss über das Online-Programm der Arizona State University. Laut Starbucks können die Mitarbeiter aus über 100 verschiedenen Bachelor-Studiengängen wählen und werden bei jedem Schritt unterstützt.

Während es in Deutschland keine allgemeinen Studiengebühren an staatlichen Hochschulen gibt, muss in den USA mit Gebühren zwischen 5 000 und 30 000 US-Dollar gerechnet werden. Die "Washington Post" weist darauf hin, dass diese Kosten im Jahr 2019 im Schnitt fast 25 000 Dollar betrugen und weiterhin am steigen sind. Das macht ihre Erstattung zu einer besonders attraktiven Vergünstigung.
Online schafft reichlich Jobs
•Amazon und Walmart kündigen eine Einstellungsoffensive fürs US-Online-Geschäft an.
•Amazon will 40 000 technologienahe Stellen besetzen.
•Walmart sucht 20 000 Mitarbeiter in Festanstellung für Verteil- und Fulfillment-Center.
•Zum dritten Mal binnen eines Jahres kündigt Walmart eine Lohnerhöhung an, um die "Lieferkette robuster zu machen".

Die jüngsten Maßnahmen von Walmart und Target zeigen darüber hinaus, wie umkämpft der Arbeitsmarkt in den USA ist. Kostenloses Uni-Studium, freie Bücherauswahl und zahlreiche weitere Unterstützungen werden als Anstrengungen gesehen, um Arbeitskräfte zu gewinnen und zu halten. Zu Beginn des Sommers stieg die Zahl der offenen Stellen in den Vereinigten Staaten laut dem statistischen Büro (Bureau of Labor Statistics) auf 9,3 Millionen.

Unzureichende Entlohnung, schwierige Arbeitsbedingungen sowie die anhaltende Sorge über Covid-19 machen den Einzelhandel nicht gerade zu einem besonders attraktiven Arbeitsplatz. Der Mangel an Fachkräften trifft Unternehmen wie Walmart und Target besonders hart. Allein im Mai diesen Jahres waren 974 000 Stellen im US-Einzelhandel unbesetzt.

"Wir schaffen für unsere Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Karriere voranzutreiben, damit sie für sich und ihre Familien ein besseres Leben aufbauen können", beschreibt Lorraine Stomski, Senior-Vizepräsidentin für Lernen und Führungskräfte bei Walmart, die jüngste Initiative des Handelsunternehmens. "Mit der Milliarden-Investition in Fortbildung wollen wir unsere Mitarbeiter dabei unterstützen, Barrieren zu beseitigen, die erwachsene Berufstätige allzu oft davon abhalten, einen Abschluss zu erwerben."

Hochschulabschlüsse in den Bereichen Betriebswirtschaft, Lieferkette und Cybersicherheit sollen neue Karrieremöglichkeiten eröffnen. "Unsere Bildungsangebote stehen in direktem Zusammenhang mit den Wachstumsbereichen bei Walmart", so Stomski weiter in der Unternehmensmitteilung. Führungskräfte sollen aus den eigenen Reihen kommen. Walmarts Bildungsangebot gilt zunächst für zehn Universitäten, mit denen das Unternehmen schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat. Voraussetzung für die Übernahme der Kosten ist, dass die Teilnehmer neben dem Studium weiterhin in Voll- oder Teilzeit für den Konzern tätig sind. Die Universitäten, so heißt es, seien aufgrund ihrer Erfolgsgeschichte mit Programmen für Erwachsene und berufstätig Lernende und Schwerpunkt des Abschlusses ausgewählt worden.

"Walmart setzt Maßstäbe für die Arbeitsplätze der Zukunft", so Rachel Carlson, CEO und Mitgründerin von Guild Education, einem Beratungsunternehmen mit Hauptsitz in Denver, Colorado, das sich mit der Verwaltung von Bildungsbeihilfen beschäftigt.

Auch Target arbeitet mit der Guild Education für sein Mitarbeiter-Bildungsangebot zusammen. Für TeamMitglieder, die ihre Ausbildung in einem Master-Programm oder einem anderen Studienbereich des Curated-Netzwerks fortsetzen möchten, will das in Minneapolis ansässige Handelsunternehmen, das mehr als 1 900 Filialen landesweit betreibt, jedes Jahr direkte Zahlungen leisten.

"Target will die Team-Mitglieder dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten auszubauen, egal ob sie ein Jahr oder eine ganze Karriere bei uns sind", so Melissa Kremer, Personalchefin des Unternehmens. "Eine beträchtliche Anzahl unserer stundenweise beschäftigten Team-Mitglieder baut ihre Karriere bei Target auf, und wir wissen, dass viele von ihnen gerne zusätzliche Bildungsmöglichkeiten wahrnehmen würden. Wir wollen nicht, dass die Kosten für irgendjemanden ein Hindernis darstellen", führt sie weiter aus.



Peter Capelli, Managementprofessor an der University of Pennsylvania, ist in seiner Einschätzung dennoch vorsichtig, wenn es um Anreize wie die Übernahme von Studiengebühren geht und argumentierte gegenüber der "Washington Post", dass solche Programme in der Regel relativ kostengünstige Unternehmensinvestitionen sind, da nur sehr wenige Mitarbeiter die Zeit oder die Ressourcen haben, um sich dafür anzumelden. "Es ist eine Art von Unternehmensleistung, die großzügig aussieht, ohne viel zu kosten, weil sie nicht sehr oft in Anspruch genommen wird.

Es bleibt nun abzuwarten, ob die Bildungsangebote von einem höheren Prozentsatz als in der Vergangenheit angenommen werden und ob die Initiativen den Unternehmen helfen, neue Talente anzuwerben und zu halten. Aber es wird als starkes Signal für den Glauben der Unternehmen an den Wert der Hochschulbildung gewertet.





stats