Mitarbeiterbindung: Hornbach stellt "Arbeitsz...
Mitarbeiterbindung

Hornbach stellt "Arbeitszeit nach Maß" vor

Hornbach/ Screenshot LZ
Mitarbeiterwünsche erfüllen: Hornbach setzt Benchmarks mit seinem flexiblen Arbeitsmodell und hofft auf großen Zuspruch am Bewerbermarkt.
Mitarbeiterwünsche erfüllen: Hornbach setzt Benchmarks mit seinem flexiblen Arbeitsmodell und hofft auf großen Zuspruch am Bewerbermarkt.
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Hornbach stellt "Arbeitszeit nach Maß" vor
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Die rund 11 000 Beschäftigten der Hornbach Baumarkt AG in Deutschland haben diese Woche erfahren, dass sie ihre Arbeitszeit bald reduzieren, umverteilen und aufstocken können. Als "Ende der starren Soll-Arbeitszeit" bezeichnet der Baumarktbetreiber sein gerade für Handelsfilialen ziemlich revolutionäres neues Arbeitszeitmodell.

Ab 1. Januar 2023 dürfen und sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hornbach Baumarkt AG in Deutschland die eigene Arbeitszeit noch besser an persönlichen Bedürfnissen ausrichten. "Arbeitszeit nach Maß" heißt das neue Programm, das seit März im Pilotversuch getestet wird. Es umfasst fünf Bausteine. Drei von ihnen ermöglichen den Beschäftigten eine Reduzierung der Arbeitszeit: So wird die Umwandlung von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld in bis zu 20 zusätzliche Tage Freizeit möglich. Die Beschäftigten können außerdem befristet oder unbefristet in Teilzeit arbeiten. Auf Wunsch kann auch die jährliche Gehaltserhöhung eingesetzt werden, um schrittweise die Stundenzahl zu reduzieren. Ein vierter Baustein ermöglicht eine Umverteilung der Arbeitszeit, beispielsweise in eine Vier-Tage-Woche auch bei 37,5 Stunden Vollzeit. Im fünften Baustein können die Beschäftigten schließlich ihre wöchentliche Arbeitszeit für den Zeitraum von drei, sechsoder neun Monaten auf bis zu 42,5 Stunden erhöhen.

Das Ziel: "Wir wollen bei Hornbach engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen und halten. Dafür müssen wir auch attraktive Rahmenbedingungen schaffen", erklärt Jochen Braun, Mitglied der Geschäftsleitung der Hornbach Baumarkt AG in Deutschland. Dass wie bei der Homöopathie womöglich eine Erstverschlimmerung des Symptoms hoher Personalbedarf eintritt, bevor das Mittel wirkt, nimmt Hornbach in Kauf. "Gut möglich, dass an einzelnen Standorten auch neue Stellen ausgeschrieben werden", sagt Vorstandsmitglied Karsten Kühn. Dem sehe er aber nicht nur entspannt entgegen, sondern freudig. "Durch die Pilotphase wissen wir, dass die Flexibilisierung der Arbeitszeiten für viele Bewerber ein starkes Argument ist."

Keine Frage, in den Hitlisten vieler Bewerberstudien rangiert Flexibilität/ Work-Life-Balance ganz weit oben, manchmal sogar vor der Vergütung. Und gerade der Handel tut sich schwer mit Angeboten. Insofern setzt Hornbach Benchmarks in der Hoffnung auf Wettbewerbsvorteile in der Branche. Der Einsatz ist hoch: Sehr selbstbewusst erwartet der Baumarkt, mit der Summe seiner Vorzüge (siehe Interview mit Karsten Kühn auf Seite 3) entstehende Lücken schnell wieder schließen zu können.

Von Widerständen dort, wo die Personaleinsatzpläne gemacht werden, weiß Sprecher Florian Preuß nichts: "Sicherlich gab es zu Beginn etwas Skepsis an der einen oder anderen Stelle. Mehr aber nicht." Seitens der Marktmanager würde sinngemäß die Rückmeldung kommen: "Ja, der Aufwand für die Einsatzplanung steigt dadurch, aber wir erleben viel positives Feedback – seitens der Mitarbeiter, die teilnehmen, aber auch seitens neuer Bewerber, wenn diese in den Vorstellungsgesprächen von Arbeitszeit nach Maß erfahren. Das hilft uns sehr."

Zur Vorbereitung des Modells startete im März die Pilotphase. Dafür wurden 15 Märkte und ein Logistikzentrum ausgewählt, quer verteilt über Deutschland. An diesen 16 Standorten hatten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit, einen oder mehrere Bausteine aus dem Modell "Arbeitszeit nach Maß" zu testen. Insgesamt haben 330 davon Gebrauch gemacht. Einen "Favoriten" zu benennen, sei schwierig, sagt Preuß. "Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass der jeweils gewählte Baustein in aller Regel in einer Verbindung zum Alter und noch mehr zu den jeweiligen Lebensumständen steht." Alle Bausteine wurden genutzt, die Umwandlung von Weihnachts- oder Urlaubsgeld in zusätzliche Freizeit und die zeitweilige Aufstockung der Arbeitszeit etwas häufiger als die anderen, weiß Preuß. Aber das sei von Standort zu Standort unterschiedlich.

"Für uns war diese Pilotphase wertvoll und wichtig, weil wir einerseits erfahren wollten, ob die Bausteine für die Beschäftigten sinnvoll sind und genutzt werden. Und andererseits, weil die Führungskräfte Erfahrungen sammeln konnten, wie sich die Einsatzplanung durch dieses Modell verändert." Fazit war: Der Aufwand steigt tatsächlich. "Dies hatten wir im Vorfeld vermutet und die Führungskräfte auch entsprechend unterstützt", sagt Preuß. Kompliziert sei die Umsetzung allerdings nicht. Sie laufe überwiegend über eine bereits eingeführte moderne Mitarbeiter-App, "mit der wir die Vertragsänderungen digital und sehr schlank vollziehen."

Unterm Strich war die Resonanz so positiv, dass das Pilotprojekt nun schon wenige Monate nach dem Start in Deutschland ausgerollt wird. Ab September 2022 haben 11 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Märkten, den Logistikstandorten und der Verwaltung die Möglichkeit, für das folgende Kalenderjahr eine "Arbeitszeit nach Maß" zu wählen. Das gilt ausdrücklich auch für Führungskräfte, ausgenommen sind Auszubildende und Studierende.

"Wir bei Hornbach sehen darin die große Chance, Menschen für das Unternehmen und für eine weitere Karriere zu gewinnen, die sich davon bislang ausgeschlossen wähnten, weil sie nicht in Vollzeit arbeiten wollten oder konnten", sagt Karsten Kühn, Vorstand und Arbeitsdirektor der Hornbach Baumarkt AG. "Das betrifft nicht nur Mütter und Väter, sondern auch Menschen, die sich ganz einfach mehr Freizeit wünschen und dennoch im Job viel Verantwortung übernehmen wollen." Dass Hornbach die Arbeitszeit just in dem Moment liberalisiert, in dem in Deutschland die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung vom BAG bekräftigt wird, sieht er nicht als Problem. "Hier hatten wir eine Lösung bereits, weit bevor das Thema heiß wurde". Bis auf ganz wenige leitende Angestellte nähmen bei Hornbach alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon seit vielen Jahren an der Zeiterfassung teil. "Insofern hat das BAG-Urteil keine Auswirkungen auf Hornbach."

Den Erfolg von "Arbeit auf Maß" werden sich neben den Wettbewerbern sicher auch die Hornbach-Gesellschaften im Ausland anschauen. "Vielleicht wird das Modell dort adaptiert", sagt Preuß. "Schon jetzt gibt es in den anderen Ländern ebenfalls wichtige Initiativen." Beispielsweise nimmt die Landesorganisation in Österreich an dem Modellprojekt "familienfreundlicher Arbeitgeber" teil und ermöglicht den Beschäftigten sowohl den flexiblen Tausch von Schichten als auch Führungsaufgaben in Teilzeit. "Uns geht es im Kern darum, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen noch besser gerecht zu werden. Diese wechseln mitunter in den verschiedenen Lebensphasen und dem wollen wir durch die fünf Bausteine möglichst gut entsprechen."





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