Nachhaltigkeit: Dienstwagen auf dem Prüfstand
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Dienstwagen auf dem Prüfstand

Ritter Sport
Flottenumbau : Als klimaneutrales Unternehmen setzt Ritter Sport auf Hybrid- und E-Autos.
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Dienstwagen auf dem Prüfstand
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Wenn Unternehmen konsequent ihren ökologischen Fußabdruck ins Visier nehmen, gehören die Fortbewegungsmittel der Mitarbeiter dazu. Diese schätzen vor allem in Städten Alternativen zum Auto. Verstärkend wirkt der Trend zum Homeoffice. Beispiele aus der Branche.

Einen Dienstwagen bekommt man aus zwei Gründen: Weil man im Außendienst für die Firma viele Kilometer fährt. Oder weil er ab einer bestimmten Hierarchiestufe zu den Benefits gehört, mit denen der Arbeitgeber seine Experten und Führungskräfte belohnt und an das Unternehmen binden möchte. "Beide Bereiche sind im Wandel. Corona sehe ich dabei als Beschleuniger", sagt Philipp Fank, Consultant im Bereich Compensation und Performance Management bei Kienbaum. Treiber für den Umstieg sei der Wunsch der Firmen nach mehr Nachhaltigkeit, einem modernen Image, aber auch Druck von Seiten der Arbeitnehmer: Zwei Drittel erwarten vom Arbeitgeber, dass er dem Klimawandel mehr Bedeutung beimisst, weiß Fank. "Durch den Vormarsch des Homeoffice in der Pandemie hat sich zudem die Bedeutung von Mobilität gewandelt." Wer den Weg zur Arbeit spart, hat zum Ausgleich vielleicht lieber ein Dienstfahrrad als ein Auto vor der Tür.

Relativ radikal geht Unilever das Thema an: Seit dem Umzug in die neue Zentrale in der Hamburger Altstadt Mitte letzten Jahres gibt es keine Parkplätze mehr für Mitarbeiter, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen für Handwerker und Menschen mit Behinderung. "Dafür haben wir insgesamt 120 Stellplätze für Fahrräder in der Tiefgarage geschaffen", erklärt Alexandra Heinrichs, Vice President HR bei Unilever D-A-CH. Ziel des neuen Mobilitätskonzeptes, das auch ÖPNV und Dienstfahrräder begünstigt, sei es, alle Mitarbeiter dazu anzuregen, das Auto stehen zu lassen. "Die sogenannten Status-Dienstwagen für das höhere Management wurden abgeschafft." Nur wo sie für die jeweilige Position relevant sind, etwa im Vertrieb, "stehen natürlich auch weiterhin Dienstwagen zur Verfügung". Unilever hoffe sehr, in naher Zukunft auf E-Mobilität umsteigen zu können. Dabei, so berichtet Aldi Süd, stoße man trotz "ambitionierter Nachhaltigkeitsstrategie" aber technisch noch an Grenzen: "Wir sehen uns mit der Herausforderung konfrontiert, die Anforderungen unserer Dienstwagenfahrer mit aktuellen Reichweiten von Elektroautos in Einklang zu bringen." Trotzdem teste man mit einigen Mitarbeitergruppen, heißt es beim Discounter.

63 Prozent
aller neu zugelassenen Autos 2020 wurden von Firmen angemeldet. Insofern steht bei einer Abkehr vom Dienstwagen für die Automobilindustrie einiges auf dem Spiel.


Ritter Sport will mit dem Schwenk zu Hybrid- und Vollelektrofahrzeugen nicht länger warten: "Dafür wird unsere Tiefgarage am Werk in Waldenbuch momentan komplett mit Wallboxen ausgestattet, sodass tägliche Fahrten zum und vom Werk elektrisch möglich sind." Bei den Flottenfahrzeugen wird auf Carsharing umgestellt, "um flexibel auf Technologiefortschritte reagieren zu können", sagt eine Sprecherin. Den Produktionsmitarbeitern wird der Verzicht aufs Auto durch ein sehr traditionelles Konzept leicht gemacht: den Einsatz von Werksbussen.

Haribo unterstützt die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel mit 50 Prozent, bei Azubis sogar mit 100 Prozent. Für Radler stehen Duschen und Umkleiden zur Verfügung. Bei Alnatura in Darmstadt sind schon 240 Diensträder im Einsatz. "Das sind mehr als 80 Prozent aller Fahrzeuge im Fuhrpark", sagt Christiane Meyer, Mobilitätsverantwortliche bei Alnatura. Das Unternehmen habe bereits seit vielen Jahren anstelle einer "Dienstwagen-" eine "Mobilitätsrichtline". In dieser ist statt eines Dienstwagens auch eine BahnCard 100, ein ÖPNV-Ticket, ein Dienstrad oder eine Kombination dieser Komponenten möglich.
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Vor allem bei jüngeren Arbeitnehmern verliert der Dienstwagen als Vergütungsbestandteil an Beliebtheit, weiß Kienbaum-Berater Fank. "Ihnen ist Flexibilität bei der Bestimmung von Arbeitszeit und -ort viel mehr wert", sagt er. Die gemeinsame Benefits-Studie von Kienbaum und Kununu zeige, dass Karossen auf Firmenkosten es bei den beliebtesten Nebenleistungen nur noch auf Platz fünf schaffen. Selbst die betriebliche Altersvorsorge rangiere weiter vorn. Relevante Benefits seien für die Attraktivität als Arbeitgeber aber alles andere als trivial. "Wir wissen, dass Arbeitnehmer für ein gutes Betriebsklima, gesundes Essen, Gesundheitsprävention und vor allem Flexibilität bereit sind, bis zu zehn Prozent weniger Gehalt in Kauf zu nehmen", so Fank. Zu dieser Wunschliste gehöre zunehmend auch Nachhaltigkeit.

"Der Dienstwagen ist nicht tot", glaubt er. Dafür seien die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu unterschiedlich und die Verträge zu langfristig aufgesetzt. "Aber wir sehen schon, dass Firmen ihre Mobilität ganzheitlicher durchleuchten. Der gesellschaftliche Druck und der Druck am Markt durch zunehmend nachhaltig ausgerichtete Wettbewerber wächst."



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