Neue Arbeitswelt : Hybrid für immer
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Hybrid für immer

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New Normal: Das volle Büro kommt nicht wieder.
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Die Pandemie hat das Arbeitsleben in eine neue Ära geführt: Die Option Homeoffice befreit uns vermeintlich vom Joch der starren Zeiten und Orte. Komplett zurückdrehen lässt sich das Rad nicht mehr, glaubt das Rheingold Institut, und richtet den Blick auf den Mensch im "New Normal".

"So holen Sie ihre Mitarbeiter zurück ins Büro", hätte dieser Beitrag auch heißen können. Denn nach einer einfachen Problemlösung für mehr Präsenz suchen derzeit viele Unternehmen. Der Anteil der Beschäftigten, die teilweise im Homeoffice arbeiten, ist über den Sommer nur minimal von 24,9 Prozent im April auf 24,5 Prozent im August gesunken, zeigt eine Umfrage des Ifo-Instituts. "Corona hat unseren Alltag auf links gedreht. Und wir haben uns darin erst einmal eingerichtet", sagt Birgit Langebartels, Psychologin und Mitautorin der neuen Studie des Rheingold-Instituts, "Führen mit dem Homeoffice." Die Beschäftigten hätten die Flexibilität und auch Fokussiertheit liebgewonnen, die ihnen mobile Arbeit bietet. Umgekehrt erkennen die Arbeitgeber – manchmal zähneknirschend – an, wie gut auch außerhalb des Büros gearbeitet wird. Was die Durchsetzung mobiler Arbeit beflügelt: Der Wunsch nach Homeoffice-Tagen reicht bis in die Chefetagen, wird selbst auf Vorstandsebene zur Bedingung für einen Jobwechsel, erklärte kürzlich Headhunter Christoph Kleinen in der LZ.

Gleichzeitig spüren alle, dass ein Stück Austausch und Verbundenheit verloren geht. Mit dieser Kehrseite hadern vor allem Unternehmen. Sie locken mit Obstkörben, Grillfesten, führen Regeln wie 3:2-, 2:3- oder 4:1-Präsenz-Quoten-Regeln ein oder gar die Genehmigung von Homeoffice-Tagen über ein Buchungssystem. Doch eins kommt nicht wieder: das volle Haus.

Anreize für mehr Büropräsenz sind erlaubt, aber eingebunden werden müssen alle, glaubt Birgit Langebartels.
Rheingold Institut
Anreize für mehr Büropräsenz sind erlaubt, aber eingebunden werden müssen alle, glaubt Birgit Langebartels.


Die Führung von Mitarbeitern mit ganz unterschiedlichen Anwesenheitstagen und -zeiten ist das neue Normal und damit muss man erst einmal umgehen lernen. Ein Linkedin-Post des St. Gallener BWL-Professors Thomas Jenewein fasst die Veränderungen für Firmen sehr einfach und klar in sechs Punkten zusammen und wurde dafür regelrecht gefeiert. "Das alte Kleid ist uns zu eng geworden, das neue noch nicht gefunden", beschreibt Birgit Langebartels unsere Gefühlswelt. Nicht mehr das Homeoffice sei jetzt das Thema, sondern der Umgang mit hybrid, mit dem ständigen Wechsel aus Büroleben und Heimarbeit.

Es gehe um nicht weniger als die hybride Version von Leistungskontrolle, Führungskultur, Vertrauen und Teamspirit. "Anreize für mehr Büropräsenz sind erlaubt, aber eingebunden werden müssen alle, auch zu Hause", gibt Langebartels als klare Leitlinie aus.

Unternehmen legt sie ans Herz, "Bindungsangebote zu machen": Denn viele Mitarbeiter unterschätzen die Nachteile des "Eintupperns", wie Langebartels es nennt, wenn man zu oft in der kleinsten Einheit "ich und mein Rechner" zu Hause vor sich hinarbeitet. "Arbeit ist mehr als Broterwerb. Sie gibt uns Wertschätzung und das Gefühl, Teil eines sinnvollen großen Ganzen zu sein." Dazu könne das Unternehmen beitragen mit regelmäßigem Austausch und dem Feiern von Erfolgen. "Verbindlichkeit schaffen auf beiden Seiten" ist ihr zweiter Punkt: Welche Meetings müssen in Präsenz stattfinden? Für kreative Prozesse und Teambuilding könne man durchaus Vorgaben machen. Und umgekehrt großzügig anerkennen, dass für schriftliche Ausarbeitungen das Homeoffice besonders geeignet ist.


Die vier Homeoffice-Typen: Der Privatier, der Durchlässige, Home-Offizier und der Außendienstler (von li. nach re., von o. nach u.)
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Die vier Homeoffice-Typen: Der Privatier, der Durchlässige, Home-Offizier und der Außendienstler (von li. nach re., von o. nach u.)

Hybride Führung verlange mehr denn je, jedes Individuum im Blick zu behalten: "Auch um zu sehen, was es jeweils braucht, um produktiv zu arbeiten". Zur Verdeutlichung hat das Rheingold Institut vier sehr prägnante Homeoffice-Typen entwickelt: Privatiers drohen sich in der Fülle möglicher privater wie dienstlicher Beschäftigungen zu verlieren. Sie brauchen klare Strukturen, Deadlines, Feedbackschleifen. Die "Durchlässigen", denen die Verbindung von privat und beruflich gut gelingt, brauchen Vertrauen und freudvolle Bindung durch gute Meetings und zwanglose Come-Togethers. Den Home-Offizieren, die sich während der Arbeitszeit nicht ablenken lassen, müssen gute Chefs kreative Störungen und Anregungen verschaffen. Den Burnout-Gefährdeten Typ Außendienstler schließlich, der endlos arbeitet aus Angst, nicht gesehen zu werden, beflügeln klare Strukturen und Anerkennung.

Führungskräfte beweisen echte Stärke, "wenn sie gemeinsam mit ihren Angestellten festlegen, welche Regeln zielführend für beide Seiten sind", sagt Langebartels. Nichts müsse dabei in Stein gemeißelt werden. "Man kann neue Arbeitsmodelle auch einfach mal zwei Monate ausprobieren und wieder abschaffen, wenn sie sich als nicht alltagstauglich erweisen."

Die Neuauflage des vom Arbeitsminister angestrebte Recht auf Homeoffice ab Oktober ist zwar erst mal vom Tisch, "doch niemand weiß, wohin uns die nächste Coronawelle führt", sagt die Psychologin.



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