Personalnot: Handel sucht massiv Mitarbeiter
Personalnot

Handel sucht massiv Mitarbeiter

Hans-Rudolf Schulz
Das Ware verräumen gehört zu den Aufgaben, für je nach Region immer Leute fehlen.
Das Ware verräumen gehört zu den Aufgaben, für je nach Region immer Leute fehlen.
Anhören

Merken

Personalnot
Handel sucht massiv Mitarbeiter
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Die Mitarbeiterengpässe in den Lebensmittelmärkten spitzen sich zu. Einzelne Kaufleute berichten von Einschränkungen bei Öffnungszeiten und Servicetheken.

Die Gastronomie hat seit April 58.000 Mitarbeiter eingestellt, viele Branchen erholen sich und so wächst im Handel die Sorge, dass sich Personallücken ausweiten. Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen deutlich, dass die Kurve der offenen Stellen im Handel genauso wie im Lebensmitteleinzelhandel rasant nach oben zeigt – nach Pandemie-Einbruch und Tiefpunkt Anfang 2021. Fast ist das Niveau vor Corona erreicht.


Für das dritte Quartal 2021 meldet die Agentur für Arbeit rund 36 Prozent mehr offene Stellen im LEH als ein Jahr zuvor. Die absolute Zahl 3 700 erscheint klein, bildet aber nur einen Stichtagswert ab und den Anteil der Stellen, die über die Arbeitsagentur gesucht werden (immerhin 45 Prozent). Wer über die kommerziellen Stellenportale geht, erlebt den gleichen Andrang: Bei Stepstone wurden im August 2021 satte 55 Prozent mehr Anzeigen für Verkäuferinnen im Handel geschaltet als vor der Krise.

Das Thema pressiert. Auf Anfrage geben sich die Zentralen der Handelskonzerne zwar zugeknöpft. Aldi Nord erklärt recht allgemein, "dass die Suche nach Personal immer fordernder wird". Edeka und Rewe wollen sich gar nicht äußern. Auf der Fläche lassen sich die Engpässe vielfach nicht mehr leugnen. Matthias Zwingel, Rewe-Händler aus Franken, berichtet unumwunden, dass es ihm schwerfalle, "die Öffnungszeiten einzuhalten, weil Personal fehlt". Betroffen sind bei ihm vor allem die Servicetheken für Fleisch, Wurst, Käse sowie die Poststellen. In Urlaubszeiten habe er dort schon mal "früher schließen" müssen. Während des Lockdowns konnte er mit Mitarbeitern aus Gastronomie und Hotellerie Lücken füllen. Doch diese Kräfte sind wieder weg. Das ist kein Einzelfall, zeigen Stimmen aus anderen Rewe- und Edeka-Regionen.


"Der Lebensmittelhandel hat ein Problem mit der Nachwuchsgewinnung", konstatiert Ambroise Forssman-Trevedy, der als Vorstandssprecher beim regionalen Filialisten Wasgau auch das Personalressort verantwortet. Wasgau hätte in diesem Jahr 40 Prozent mehr Auszubildende eingestellt, wenn der Bewerbermarkt es hergegeben hätte. In den Supermärkten fehle nur nahe der Grenze zum Hochlohnland Luxemburg Personal. "Schwierig ist es aber in den Produktionsbetrieben, der Bäckerei und Metzgerei", sagt er.

Unklar bleibt, wie sich das Personalproblem im Handel lösen lässt. Um sich attraktiver zu positionieren, hat die Rewe-Gruppe Anfang des Jahres Sondierungsgespräche mit Arbeitnehmervertretern angestoßen, um mit einem On-Top-Tarifvertrag die betriebliche Altersvorsorge für die Mitarbeiter in den Regiemärkten von Rewe und den Penny-Filialen in Deutschland zu verbessern. Zum Abschluss gebracht wurden die Sondierungen bisher aber offenbar nicht. Tegut feilt derzeit am neuen Arbeitgeberauftritt, um in Expansionsgebieten bekannter zu werden.


Uli Budnik, Rewe-Händler aus Dortmund, ist bei Flüchtlingsorganisationen vorstellig geworden, um Mitarbeiter zu gewinnen. Allein: Die Sprachkenntnisse reichten dort nicht aus, "um an den Bedientheken einen guten Job zu machen", sagt der Kaufmann. Bislang konnte er seine Theken ohne Einschränkung öffnen, doch führt die Personalknappheit inzwischen zu längeren Wartezeiten. Er fürchtet, dass die Engpässe vor allem für Vollsortimenter zum Problem werden könnten: "Bedientheken sind für uns ein wichtiges Differenzierungsmerkmal im Vergleich zu den Discountern." Erst die Besetzungsquote der offenen Stellen wird zeigen, wie gut sich die Händler im Wettbewerb um gute Kräfte schlagen.



stats