Recruiting junger Talente: "Purpose ist ein M...
Recruiting junger Talente

"Purpose ist ein Missverständnis"

Julian Beekmann
Ingo Hamm: Autor und Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.
Ingo Hamm: Autor und Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.
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Recruiting junger Talente
"Purpose ist ein Missverständnis"
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Der Wirtschaftspsychologe Ingo Hamm hält die Fokussierung auf den Unternehmens-Sinn für einen Irrweg. Im Gespräch mit der LZ erklärt er, worauf es stattdessen ankommt.

Viele Unternehmen betonen, was sie Mitarbeitern bieten – weniger deutlich, was sie erwarten. Wie kommt das?

Der Fachkräftemangel hat den Trend verstärkt. Die Unternehmen werfen jeden Köder in den Teich, von dem sie sich einen Fang versprechen. Doch sie verderben sich damit etwas.

Inwiefern?

Es führt über kurz oder lang zu Enttäuschung, wenn die Arbeitsrealität sich nicht mit dem deckt, was das Employer Branding verspricht. Außerdem kann zu viel Incentive korrumpieren. Die Motivation wird erstickt. Das weiß man nicht erst, seitdem Unternehmen auf Purpose, New Work und Kulturwandel setzen. Der Korrumpierungseffekt wurde vor Jahrzehnten wissenschaftlich belegt. Doch das wird verdrängt, der Zusammenhang nicht erkannt und unreflektiert geködert.

Was genau versucht man vorzutäuschen?

Es heißt, dass junge Talente einen höheren Sinn im Job suchen. Deshalb kommunizieren Arbeitgeber einen Corporate Purpose, den sie mit ihrer Marke vermischen. Am Ende behauptet jeder auf seine Weise: "Wir retten gemeinsam die Welt". Da klafft eine riesige Lücke! Ich will nicht sagen, dass es immer falsch ist, aber es ist sehr überzogen.

Wenn es die Wünsche junger Talente trifft, erfüllt es doch den Zweck, sie anzulocken.

Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was junge Menschen sagen, und dem was sie wirklich suchen. Geködert mit Purpose und Tischkicker, stellen sie dann im Arbeitsalltag fest, dass sie einen ganz normalen Job haben, mit guten und schlechten Chefs, Kollegen und Aufgaben. Schließlich müssen in den meisten Betrieben ganz alltägliche Dinge geleistet werden. Die Arbeitswelt besteht nicht nur aus Greenpeace und den United Nations.

Wann wird denn über Leistung, Erwartungen und Effizienz gesprochen?

Das Thema wird verlagert, um im Bewerbungsgespräch niemanden zu verprellen. Dort wird alles getan, damit ein Vertrag zustande kommt. Später sind dann die Führungskräfte gefordert, den Neuen zu erklären, dass es um Arbeit und Ergebnisse geht.

Bezieht sich die Diskussion um Purpose nur auf Wissensarbeiter im Büro?

Je näher die Arbeit am Produkt ist – zum Beispiel in der Produktion oder am Kunden – desto weniger wird die Sinnfrage gestellt. Im Büro dagegen geht das Gefühl zum Ergebnis verloren, weil bürokratische Prozesse einen von der Kernaufgabe abhalten. Nach zu vielen Meetings und endlosem Bedienen komplizierter Tools am PC fragt sich mancher: "Was mache ich hier gerade?" Genau an dem Punkt stellt sich die eigentliche Sinnfrage.

Sie unterscheiden Sinn und eigentlichen Sinn?

Es ist ein Missverständnis, dass sich die Sinnsuche auf das große Ganze bezieht. Das ist falsch. Es ist nicht jeder Job erfüllend, nur weil das Unternehmen in drei oder vier Charts überzeugend den Purpose für alle kommuniziert. Tatsächlich geht es um den individuellen Sinn im eigenen Job. Um sich individuell entfalten zu können, muss man die eigenen Kompetenzen einbringen können in eine Tätigkeit, die man gut und gerne macht.

Bitte konkretisieren Sie das.

Was mache ich in welchem Berufsfeld mit welchen Inhalten? Wie mache ich es im Team, mit welcher Ambition und Führung, mit welchem Timing? Wenn das Was und Wie passen, dann habe ich "einen tollen Job". Dann sieht man den Sinn in der eigenen Arbeit. Jungen Talenten fehlt aber oft die Erfahrung, zu erkennen, was ihnen liegt. Deshalb ist es Aufgabe der Führungskräfte, sie individuell zu führen und ihnen den Rücken frei zu halten. Das ist unbequem und hat nichts mit Weltretteranspruch zu tun.

Es gibt Wichtigeres als Sinn?

Der Begriff Sinn oder Purpose ist irreführend. Wichtiger ist der Impact. Was ist die Wirkung meiner persönlichen Arbeit? Nicht im Großen, sondern im Kleinen! Habe ich zum Beispiel einen Kunden glücklich gemacht? Die Wirksamkeit des eigenen Tuns zu erfahren, ist erfüllend. Das empfinden wir als Sinn oder Glück.

Was raten Sie Unternehmen?

Ehrlichkeit! Sie sollten sagen, was sie machen, anstatt über die Rolle in der Gesellschaft zu fabulieren. Den jungen Talenten transparent vermitteln, um welche Arbeit es geht. Und: Was machen sie anders als die Wettbewerber?

Was können die Job-Suchenden beitragen, um Missverständnisse zu vermeiden?

Sie sollten sich von den New-Work-Versprechen nicht blenden lassen und ganz konkret nachfragen: Wie sieht mein Arbeitstag aus? Ganz systematisch erfragen, wie die Woche von Montag 9 Uhr bis Freitag 18 Uhr verläuft. Was sind die Rahmenbedingungen und der Arbeitsstil?

Läuft man nicht Gefahr, potenzielle Mitarbeiter abzuschrecken?

Unternehmen sollten nicht so tun, als ob sie selbstlos handeln. Ein ehrliches Bekenntnis zur Marktwirtschaft ist besser, eine Gewinnabsicht legitim. Möglicherweise sinkt die Zahl der Bewerber. Doch diese überstehen die Nagelprobe im Arbeitsalltag.





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