Sozialpartner: Annäherung für mehr Nachhaltig...
Sozialpartner

Annäherung für mehr Nachhaltigkeit

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Arbeitgeber und Gewerkschaften sind beim Umbau der Wirtschaft gemeinsam gefordert – Ökologie, Ökonomie und Soziales passen nicht immer zusammen
Arbeitgeber und Gewerkschaften sind beim Umbau der Wirtschaft gemeinsam gefordert – Ökologie, Ökonomie und Soziales passen nicht immer zusammen
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Annäherung für mehr Nachhaltigkeit
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Die Wirtschaft soll und will nachhaltiger arbeiten. Dafür müssen die Bedürfnisse der Beschäftigten stärker in den Fokus gerückt werden, sind sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter erstaunlich einig. Sie wollen den Diskurs intensivieren und gegenüber der Politik an einem Strang ziehen.

Nicht erst seit der Bundestagswahl steht fest, dass der Wirtschaft ein weitreichender Umbau bevor steht. Ein gemeinsames Ziel kristallisiert sich heraus: Deutschland wird den Klimaschutz deutlich vorantreiben. Transformation, Nachhaltigkeit und Digitalisierung stehen in der Politik ganz oben auf der Agenda. Praktisch umgesetzt werden muss vieles allerdings von Unternehmen. Über die Stiftung 2 Grad bekennen sich führende Unternehmen aktuell öffentlich zu mehr Klimaschutz. Dazu gehören etwa Aldi, Ikea, Otto, Rewe, Rossmann, Lidl und Kaufland. Sie appellieren an die nächste Regierung, "eine Umsetzungsoffensive für Klimaneutralität in den ersten 100 Tagen" sowie "einen klaren, verlässlichen und planbaren Pfad" dort hin.

Im Fokus der öffentlich wahrnehmbaren Diskussion stehen zumeist Maßnahmen wie Energieeffizienz, Ressourcenschutz, Biodiversität oder Decarbonisierung. Über die sozialen Komponenten der Nachhaltigkeit wird dagegen weniger gesprochen. Dabei sind es die Mitarbeiter, die die Veränderungen voran bringen und möglicherweise darunter leiden, sofern ihre Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Das Thema taugt offenbar dazu, dass sowohl Wettbewerber als auch gegnerisch orientierte Interessenvertreter sich annähern. Einhellig plädieren sowohl Arbeitgebervertreter als auch Gewerkschaften für eine intensive Auseinandersetzung. "Wir wünschen uns einen offenen Dialog zum Thema Nachhaltigkeit mit allen Sozialpartnern", sagt Stefanie Sabet, Hauptgeschäftsführerin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) sowie Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Damit stößt sie bei der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) auf offene Ohren: "Veränderung geht nur gemeinsam", bekräftigt die Leiterin des NGG-Hauptstadtbüros Susanne Uhl. Um der Debatte Schub zu verleihen, denken sie über gemeinsame Formate nach. Anfang 2022 könnte es ein Event geben, zu dem sie Geschäftsführer und Betriebsräte aus der Ernährungswirtschaft zusammenbringen, um die Dimensionen und Auswirkungen des Wandels zu diskutieren.

So gilt es beispielsweise auf dem Weg zur Klimaneutralität Investitionsentscheidungen zu treffen. Wofür wird das Geld ausgegeben? Für moderne Technologien, bessere Rohstoffe, Veränderung der Prozesse oder die Qualifikation der Beschäftigten? Und reicht es noch für angemessene Löhne? Streitpotenzial gibt es sicher genug. "Solche Konflikte müssen wir aushalten und austragen", findet Uhl. "Wenn wir kontinuierlich kommunizieren, werden wir es gemeinsam hinbekommen", zeigt sie sich optimistisch. Allerdings verweist die Gewerkschafterin auch darauf, dass es in der Vergangenheit oft genug Veränderungsprozesse zu Lasten der Mitarbeiter gegeben habe. "Mitbestimmung und sozialer Ausgleich gehören notwendigerweise zum Thema Nachhaltigkeit dazu", betont sie. Das habe sich aber noch nicht auf allen Geschäftsleitungsetagen herumgesprochen, merkt sie an. Auch Sabet ist sich möglicher Zielkonflikte bewusst und verweist auf die drei Säulen von Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Diese Grundpfeiler stehen gleichwertig nebeneinander. Doch: "Während über Klimaschutz viel geredet wird, findet der Zusammenhang mit der sozialen Nachhaltigkeit oft zu wenig Beachtung."
Handlungsprinzipien
Als Sprachrohr der Branche kommuniziert der Handelsverband Deutschland (HDE) Leitlinien für nachhaltiges Handeln u.a. mit folgenden Zielen:
•Nachhaltiges Wachstum vor kurzfristigem Gewinn
•Effizienter Klima- und Ressourcenschutz
•Unterstützung Klimaziele 2030 und Klimaneutralität bis 2050
•Faire Arbeitsbedingungen und Einhaltung menschenrechtlicher Belange in globalen Lieferketten
•Digitale Geschäfte menschen- und werteorientiert gestalten

Auch im Handel scheinen die Gewerkschaft Verdi und der Arbeitgeberverband HDE beim Thema Nachhaltigkeit deutlich näher beieinander zu liegen, als es bei Tarifverhandlungen der Fall ist, wo traditionell mit harten Bandagen gekämpft wird. Beide Seiten sprechen davon, dass die Beschäftigten im Veränderungsprozess mitgenommen werden müssen. Dabei gibt es zwar unterschiedliche Herangehensweisen: "Beteiligung" lässt andere Prozesse erwarten als "Top-down". Dennoch wird zugleich Offenheit signalisiert: "Im sozialpartnerschaftlichen Dialog kann man mehr erreichen als ohne den Partner", sagt Antje Gerstein, HDE-Geschäftsführerin Europapolitik und Nachhaltigkeit. "Es kommt auf gute Kommunikation an, damit wir konstruktiv gemeinsam den richtigen Weg gestalten. Schließlich verfolgen wir gemeinsame Interessen." Bei Stefanie Nutzenberger, Handelsverantwortliche bei Verdi, klingt das so: "Ein zukunftsfähiger Handel muss so gestaltet sein, dass Menschen dort sowohl gerne arbeiten als auch gerne einkaufen." Solange die Branche Schwierigkeiten hat, ausreichend Mitarbeiter zu finden, sei sie wohl noch nicht gut genug für die Zukunft aufgestellt, gibt sie zu bedenken.

"Bewerber schauen genau darauf, ob ein Unternehmen nachhaltig arbeitet", weiß auch die ANG-Frau Sabet. Der Verband rückt das Thema auch deshalb in den Fokus, um das Arbeitgeber-Image der Nahrungs- und Genussmittelindustrie zu stärken. "Das ist fürs Recruiting, die Mitarbeitermotivation und -bindung wichtig."

"Der Umbau der Wirtschaft ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft", ordnet Antje Gerstein ein. "Der Weg muss politisch flankiert sein, denn einzelne Unternehmen oder gar Beschäftigte können die komplexen Themen nicht allein stemmen." Stefanie Sabet präzisiert, warum Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter auf dem Weg zur Klimaneutralität gemeinsam Position beziehen sollten: "Wenn Kosten unverhältnismäßig steigen, ist das eine Gefahr für den Standort", sagt sie. "Bei solchen Entwicklungen ist es hilfreich für den Dialog mit der Politik, wenn die Sozialpartner an einem Strang ziehen." Ihr Fazit: "Beim Thema Nachhaltigkeit entwickelt sich eine neue Rolle für die Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter in ihrer Zusammenarbeit – mit viel Verantwortung."



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