Überwachung: Kontrolle mindert Motivation
Überwachung

Kontrolle mindert Motivation

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Allein im Homeoffice: Wer mobil arbeitet, muss anders geführt werden. Ausspähen ist kontraproduktiv.
Allein im Homeoffice: Wer mobil arbeitet, muss anders geführt werden. Ausspähen ist kontraproduktiv.
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Überwachung
Kontrolle mindert Motivation
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Der softwaregestützten Überwachung am Arbeitsplatz sind enge rechtliche Grenzen gesetzt. Doch das Arbeiten im Homeoffice hat die Diskussion um Überwachung neu angefacht. Die Vertrauenskultur in den Unternehmen wird in diesen Zeiten auf die Probe gestellt.

"Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser" – dieser Spruch sollte eigentlich auf die Arbeit im Zeitalter von New Work nicht mehr zutreffen. In diesem ist die flexible Arbeit wahlweise im Homeoffice oder im Büro an der Tagesordnung. Dabei sind vor allem die Vorgesetzten gefordert eine neue Balance zwischen Kontrolle und Vertrauen zu finden. Doch statt auf den Mitarbeiter verlassen sich manche Unternehmen dann doch lieber auf Kontrollsoftware.

Der Markt für Kontrollsoftware boomt, lauten entsprechende Schlagzeilen. Dabei geht es um Programme, die Zeit- und Aktivitätsdaten erfassen. "Das ist unerlässlich, um eine möglichst hohe Produktivität zu gewährleisten und Ressourcen an den richtigen Stellen einzusetzen," heißt es etwa auf der Webseite von Hubstaff, einem Anbieter von Software, die Zeit- und GPS-Tracking bis hin zur Mitarbeiterüberwachung ermöglicht.

Viele andere Anbieter sind auf dem Markt der so genannten Monitoring Systeme aktiv, die mehr Produktivität versprechen. Sinnvolle Funktionen wie die Erfassung projektbezogener Einsatzzeiten, die die Basis für Abrechnungen gegenüber dem Kunden bilden oder Leistungsdaten zu dokumentieren, die unmittelbar für die Auszahlung von vereinbarten Zuschlägen oder Boni relevant sind, lassen sich ebenso erfassen wie Zeiten in denen der Mitarbeiter am Bildschirm aktiv ist, die Tastatur anschlägt oder eben auch nicht.

Doch nicht nur die explizit zur Kontrolle entwickelte Software lässt teambezogene oder individuelle Auswertungen zu. Auch "Kollaborationstools" - wie Slack oder auch Teams - ein absolutes Muss im Zeitalter der hybriden Arbeitskultur - ermöglichen diese. Ob dann quantitative Kriterien wie die Zahl der Telefonate oder die Zeit, die an einem Dokument gearbeitet wurde, letztendlich geeignet sind, die Produktivität des Mitarbeiters zu bewerten, steht auf einem anderen Blatt.

"Mit den Systemen lassen sich einerseits Arbeitsprozesse vorantreiben, andererseits kann damit Kontrolle ausgeübt werden. Die Grenzen zwischen Kollaboration und Kontrolle sind fließend", sagt Bertold Brücher, Datenschutzexperte beim DGB. Entscheidend sei, so Brücher mit Verweis auf das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), dass die anfallenden Verhaltensdaten eben nicht zur Kontrolle genutzt werden dürfen. Es gebe "vereinzelt Anfragen und Beschwerden" zum Thema der softwaregestützten Überwachung von Beschäftigten, heißt es aus dem Büro des Hessischen Datenschutz-Beauftragten.

Microsoft hat im Herbst 2020 mit dem "Productivity Score" ebenfalls eine entsprechende Funktionalität präsentiert, die die automatisch erfassten "Bewegungen" der Nutzer im Microsoft 365-Kosmos auswertet. Das System vergibt "Produktivitätspunkte" für beispielsweise Aktivitäten in Chats, bei der gemeinsamen Bearbeitung von Dateien, der Ablage in der Cloud etc. Damit lassen sich Mitarbeiter vergleichen und solche ermitteln, die vermeintlich mehr oder weniger "produktiv" in den Microsoft-Systemen unterwegs sind. Während der "Productivity Score" in den USA von den Unternehmen als Mittel zur Optimierung des Technikeinsatzes und damit der Arbeitsabläufe gesehen wird, schlugen in Deutschland sowohl die Datenschützer als auch die Betriebsräte Alarm. Denn ohne die Zustimmung des Betriebsrates darf ein technisches System, das zur Verhaltens- und Leistungsüberwachung eingesetzt werden kann, nicht eingeführt werden.
„Eine Klein-Klein-Kontrolle passt nicht in unsere Zeit“
Rebekka Weiß, Leiterin Vertrauen & Sicherheit, Bitkom e.V.


Dem verdeckten oder heimlichen Ausspähen – wie Bildschirmfotos schießen oder Tastatureingaben dokumentieren, ohne dass der Nutzer davon weiß – setzen der Datenschutz und Arbeitsgerichtsurteile enge Grenzen. Erlaubt ist dies nur in begründeten Ausnahme- und Verdachtsfällen. Doch beim Arbeitnehmerdatenschutz habe das BDSG Lücken und deshalb ist es nach Meinung der Gewerkschaften notwendig, ein eigenes Datenschutzgesetz für Beschäftigte zu schaffen. Der DGB hat einen entsprechenden Gesetzentwurf erarbeitet.
Arbeitnehmerdatenschutz
•Geregelt in der EU-weiten Datenschutz-Grund-Verordnung (DSGVO), mit den Prinzipien der Zweckbindung, d.h. Verarbeitung der Daten für festgelegte, eindeutige und legitime Zwecke); Datenminimierung, d.h. dem Zweck angemessen und auf das notwendige Maß beschränkt; Identifizierung, d.h. Daten müssen in einer Form gespeichert werden, die die Identifizierung der betroffenen Personen nur so lange ermöglicht, wie es erforderlich ist.
•Bundesdatenschutzgesetz (BDSG): § 26 regelt die Datenverarbeitung zum Zwecke des Beschäftigungsverhältnisses.
Betriebsverfassungsgesetz: Mitbestimmung des Betriebsrates bei der Einrichtung von technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Verhalten oder die Leistung der Arbeitnehmer zu überwachen.


Aus der Perspektive des Beschäftigten kommt die Kontrolle ohnehin nicht gut an. Das zeigen die Untersuchungen eines Teams aus Wissenschaftlern der Universitäten Bayreuth und Gießen, das die Auswirkungen von Kontrollmaßnahmen auf Mitarbeiterverhalten untersucht. Die Mitarbeiter fühlen sich in ihrer "Bewegungsfreiheit" am Arbeitsplatz eingeschränkt, wenn sie wissen, dass sie kontrolliert werden. Ein Forscherteam filmte die Mitarbeiter per Video. Das Wissen um die Überwachung reicht aus, um sich befangen, gestört oder eingeschränkt zu fühlen, lautet das Ergebnis. "Und zwar unabhängig davon, ob die tatsächliche Autonomie eingeschränkt wurde oder nicht", so Ivo Schedlinsky. Es reduziere sogar die positive Wirkung motivierender Aktionen, wie zum Beispiel einer Auszeichnung zum Mitarbeiter des Monats. Andererseits schätzten die Beschäftigten, so Sedlinsky, auch die Möglichkeiten, sich dem Team und dem Vorgesetzten zu präsentieren, ihre Leistungen zu zeigen. Denn das kommt im Homeoffice ansonsten eher zu kurz.

Dass seit der pandemiebedingten Abwanderung ins Homeoffice Überwachungstools boomen, kann Rebekka Weiß, Datenschutzexpertin von Bitkom nicht bestätigen. "Das ist häufig eine gefühlte Überwachung", sagt sie. Ohne IT-gestützte Kommunikation und den Einsatz entsprechender Systeme sei die Remote Arbeit schlicht nicht möglich. Ihrer Meinung nach ist es wichtig, in den Unternehmen Richtlinien zu erarbeiten, wie die Tools eingesetzt werden, welche Daten anfallen, beziehungsweise wie damit umgegangen wird. "Eine gewisse Kontrolle zum Beispiel hinsichtlich der Arbeitszeit oder des definierten Arbeitssolls braucht der Arbeitgeber", so Weiß, aber eine "Klein-Klein-Kontrolle passt nicht in unsere Zeit". Und Kontrolle im Sinne einer Überwachung des Mitarbeiters sind ihrer Meinung nach Einzelfälle.

"Technisch ist vieles möglich, aber es wird nicht massenhaft eingesetzt", sagt auch Kerstin Jerchel, Bereichsleiterin Mitbestimmung bei der Verdi Bundesverwaltung in Berlin. Dass sich die Mitarbeiter in den wenigsten Fällen überwacht fühlen, bestätigt die aktuelle Bitkom-Befragung von 1 500 Erwerbstätigen zu Jahresbeginn. Nur 10 Prozent gaben an, sie fühlten sich von ihrem Arbeitgeber überwacht. Knapp 80 Prozent der Befragten bestätigen einen Wandel in der Arbeitskultur durch die Pandemie und gaben an, dass "ihr Arbeitgeber seinen Beschäftigten vertraut und verstärkt auf Eigenverantwortung setzt." Damit der Rahmen für das eigenverantwortliche Arbeiten stimmt, wünschen sich über die Hälfte allerdings klare Regeln für das Arbeiten zu Hause, zum Beispiel zur Erreichbarkeit.

Es sind es vor allem drei Werte, die den Beschäftigten wichtig sind: Vertrauen ihnen gegenüber, Wertschätzung für ihren Einsatz und die transparente Art der Information. Weniger gut komme es an, wenn Chefs jeden Fehler kritisieren, unangemessen Kritik üben, Angestellte klein halten oder im Stich lassen, so das Ergebnis der Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich, die rund 74 000 Bewertungen auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu auswertete.

"Kontrolle ist nie motivierend und wirkt einer Vertrauenskultur entgegen," sagt Barbara Liebermeister, die in Frankfurt das Institut für Führungskultur im Digitalen Zeitalter (IFIDZ) leitet. "Es gibt allerdings Menschen, die benötigen es, stärker an die Hand genommen zu werden." Das sollte man als Vorgesetzter wissen und gemeinsam überlegen, was der Mitarbeitende benötigt.



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