Kommentar: Personalsuche wird zur Chefsache
Von Julia Wittenhagen
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Personalsuche wird zur Chefsache

Montag, 11. Oktober 2021
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Personalsuche wird zur Chefsache
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Stell Dir vor, Du würdest ein Dutzend Stellen ausschreiben und sie in kürzester Zeit mit zwölf tatkräftigen Mitarbeitern besetzen. Solchen Tagträumen sollten sich Supermarktchefs momentan lieber nicht hingeben: Denn nach dem Auf und Ab in der Pandemie suchen aktuell viele Branchen Personal.

"Nie gab es bessere Jobchancen", jubelt die Stellenbörse Stepstone. Sie habe 70 Prozent mehr Stellen im Angebot als vor einem Jahr. Auch im Einzelhandel sind die Vakanzen seit April rasant gestiegen. Ob sie besetzt werden können, zeigt sich zeitversetzt: Die Zahl der Beschäftigten ist nur bis März erfasst.

Sicher ist: Wenn Bezahlung und Betriebsklima nicht stimmen, wird es für den Lebensmitteleinzelhandel eng. Die Zeiten des Lockdowns sind vorbei, und so können keine Personal-Anleihen mehr aus notleidenden Branchen genommen werden, wie es im boomenden Geschäft zu Beginn der Pandemie der Fall war. Blusen verkauft manche Verkäuferin vielleicht wieder lieber als Joghurt. Und mit Restaurantgästen lassen sich möglicherweise entspanntere Momente erleben als mit Supermarktkunden – auch Trinkgeld lockt. Die Gastronomie hat seit April 58 000 Mitarbeiter eingestellt. Davon werden nicht wenige zeitweise im Supermarkt ihr Geld verdient haben. Warum all die Quereinsteiger nicht bleiben? Könnte es daran liegen, dass die harte Arbeit nicht adäquat entlohnt wird?

Vor der Bundestagswahl wurde so häufig über den Mindestlohn von 12 Euro für jeden ungelernten Fahrradkurier gesprochen, dass wahrscheinlich kaum eine Fachkraft noch zufrieden mit 10 oder 11 Euro nach Hause geht. Die Tarifverhandlungen laufen. Doch zeigen die ersten Abschlüsse, dass die Bäume trotz Rekordumsätzen im LEH für die dort Beschäftigten nicht in den Himmel wachsen: 3 Prozent im ersten und 1,7 im zweiten Jahr sind bei Inflation keinen Freudensprung wert und der Idee geschuldet, dass die eine Lösung für Pandemie-Gewinner wie -verlierer gefunden werden muss. Manch Beschäftigter hofft vielleicht, dass mit der neuen Regierungskoalition der Mindestlohn hochschnellt. Händler wie Aldi, Lidl und Amazon warten gar nicht erst darauf. Sie haben 12 bzw. 12,50 Euro längst als ihre rote Linie eingezogen. Warum? Neue Mitarbeiter gewinnt man nur mit der Perspektive, dass sie mit ihrem Gehalt jetzt und in Zukunft ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Diese Botschaft konnte Lidl offensichtlich gut vermitteln. Denn der Discounter verkündete 2021 als einziger Händler, die Zahl der Auszubildenden deutlich gesteigert zu haben.

Die Flucht nach vorn steht allen Händlern offen. Eingeschränkte Öffnungszeiten und geschlossene Frischetheken aufgrund von Personalnot kommen sie noch teurer zu stehen – und spielen den Blitz-Lieferdiensten in die Hände. Mehr Geld ist aber nur die eine Wahrheit. Die andere lautet: In Deutschland wird es immer schwieriger, Lastwagenfahrer, Schichtarbeiter oder Wurstverkäufer zu finden. Trotz Systemrelevanz und Applaus in Coronazeiten: Wertschätzung für äußerst nützliche Berufe lässt sich der Gesellschaft offenbar genauso wenig verordnen wie Schulabgängern.

Egal, ob die Lösung im Anwerben ausländischer Arbeitskräfte liegt, im besseren Anlernen der Bildungsschwachen oder attraktiven Leistungspaketen für das Bestandspersonal: Personalgewinnung wird zur Chefsache. Im Betrieb und in der Politik. Denn die demografische Entwicklung lässt nicht auf Entspannung hoffen.

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