Edeka Cramer: Cramer-Laden XXL
Edeka Cramer

Cramer-Laden XXL

Thomas Fedra
Starke Einheit: Ehefrau Renate Cramer, Sohn Sebastian, Tochter Inga und Jürgen Cramer.
Starke Einheit: Ehefrau Renate Cramer, Sohn Sebastian, Tochter Inga und Jürgen Cramer.
Anhören

Merken

Die Burgdorfer Edeka-Kaufmannsfamilie Cramer hat ein mittelständisches Handelsunternehmen der Superlative geschaffen. Dafür stehen nicht nur die großen Flächen. Auch der Zusammenhalt der Familie über drei Generationen hinweg ist vorbildlich.

Er könnte von sich sagen: Ich bin ein Pionier. Es wäre nicht übertrieben. Doch Superlative sind nicht sein Ding. Dabei hat Jürgen Cramer durchaus bewiesen, dass er groß denken und diese Gedanken in ein gut funktionierendes Geschäftsmodell zu gießen vermag. Er darf als Pionier gelten. Früh wagte er sich an Lebensmittelläden auf großen Flächen heran.

Denn als die Wilhelm Cramer GmbH im Jahr 2001 auf 2700 Quadratmeter ein E-Center im niedersächsischen Lachendorf eröffnete, war dies nicht nur der erste Cramer-Laden im XXL-Format, sondern überhaupt der erste Verbrauchermarkt bei Edeka Minden-Hannover in der Obhut eines Selbstständigen. Aus diesem einen E-Center sind inzwischen sechs geworden, mit einem Durchschnittsumsatz von 6500 Euro pro Quadratmeter. Der größte Markt in Lehrte setzt 27 Millionen Euro im Jahr um. Auf 4200 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Nicht nur dieser Standort ist ein Leuchtturm. Das Unternehmen wird Ende des Jahres 145 Millionen Euro brutto umsetzen. Es beschäftigt 700 Mitarbeiter, betreibt acht Märkte. Der Edekaner hat einen festen Platz in den Top Ten der größten Selbstständigen des Landes. Jürgen Cramer selbst sagt: "Ich habe es nie bereut, ins Lebensmittelgeschäft unserer Familie einzusteigen."

Gegründet hatte das Unternehmen sein Vater am 1. März 1947, die Verkaufsfläche des ersten Ladens in der Marktstraße in Burgdorf betrug 80 Quadratmeter. Cramer erinnert sich noch, wie er als Kind hinterm Tresen stand. Wie sein Vater mühsam Ware besorgte, wie die Händlerfamilie über Schaper Hannover im Jahr 1990 schließlich bei Edeka Minden-Hannover landete. Er erzählt von seiner Mutter, die diese Entwicklung begleitet hat – und heute, mit 97 Jahren, noch immer jeden Tag in Burgdorf im Laden in der Uetzer Straße nach dem Rechten schaut, mit Kunden und Mitarbeitern spricht. "Das ist ihre Berufung, seit 70 Jahren."

Die Nachfolge ist geklärt

70 Jahre Familienunternehmensgeschichte sind eine lange Zeit. Gegenwart entsteht aus Vergangenheit, alles baut aufeinander auf und ist doch eins. Auch jetzt, da die Zukunft mit am Tisch sitzt: Cramers Kinder Sebastian Cramer (35) und Inga Ali (38). Beide sind seit fünf Jahren am Unternehmen beteiligt und in Führungspositionen tätig. Die Nachfolgefrage, dieses für viele Selbstständige so leidige Thema, sie ist geklärt. Inga, die zunächst eine Karriere im Hotelfach einschlug und zeitweise auch in den USA arbeitete, kam über den Umweg der Edeka-Großhandlung Minden im Familienunternehmen an. Sie verantwortet heute vor allem den Backbereich und das stetig wachsende Gastronomiesegment. Sebastian, der an der Dualen Hochschule in Lörrach studierte, ist für den Vertrieb und das Personal zuständig. "Wir ergänzen uns", sagt er und schaut dabei zu seiner Mutter Renate. Sie kümmert sich einfach um alles. Um Mitarbeiter, Geschäftspartner, Weihnachtskarten, Kundenevents und sogar ums Mittagessen der Führungskräfte, das nicht selten in den Wohnräumen der Cramers stattfindet. Tochter Inga erklärt: "Wir sind ein Familienunternehmen, meine Mutter ist die gute Seele, die meinem Vater immer den Rücken frei hält."

Ein anspruchsvoller Job. Denn Jürgen Cramer ist nicht nur in seinen Läden unterwegs, sondern viele Tage im Jahr für die Edeka-Region Minden-Hannover und die gesamte Edeka-Gruppe. Der 63-Jährige ist einer der engagiertesten Edekaner überhaupt. Kaum unter dem Dach der Genossenschaft, stürzte er sich bereits 1992 in die Gremienarbeit. Er erwies sich dort als wahres Talent. Unaufgeregt, ausgleichend, immer sachlich und integer – so wird er beschreiben. Kombiniert mit kaufmännischem Sachverstand und der Fähigkeit, in großen Linien zu denken, sei er für immer neue Posten vorgeschlagen worden, erinnert sich ein Wegbegleiter .

Und in der Tat gibt es kaum ein Amt, das der Kaufmann nicht schon innehatte – auf regionaler ebenso wie auf nationaler Ebene. Aktuell ist er Aufsichtsratschef der größten Region Minden-Hannover, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Edeka-Zentrale und Verbandsausschußvorsitzender des Edeka-Verbandes. Er sagt: "Wenn man gefragt wird, übernimmt man die Verantwortung und sagt nicht nein." Ein Kaufmannskollege unterstreicht das: "Der Jürgen" sei pflichtbewusst und setze sich ein.

Klar strukturiert und modern

"Er ist so wie seine Läden sind." Klar strukturiert und modern. Auf dem neuesten Stand, aber nicht großspurig. Mit Sinn für funktionelle Ästhetik, aber ohne übertriebenen Selbstverwirklichungsdrang. Effizient und massenmarkttauglich, aber doch mit sehr viel eigener Handschrift und Exklusivität, die auch in den 200 regionalen Lieferanten des Unternehmens zum Ausdruck kommen.

Jürgen Cramer steht in der Obst- und Gemüseabteilung des Burgdorfer E-Centers in der Weserstraße. Sein Sohn Sebastian doziert, dass regionale und lokale Produkte im Sortiment bald ein noch stärkeres Gewicht erhalten sollen. Er erklärt das Prinzip, jede Abteilung wie einen eigenen Laden zu führen. Der Vater nickt.

Das E-Center ist ein Meilenstein. Als es 2005 eröffnete, war es der erste Cramer-Markt in einem selbst geplanten Einkaufscenter. Der Händler ist heute Immobilienunternehmer, drei E-Center sind im Eigentum, die Immobilien und die Untermietverträge werden selbst verwaltet. Jürgen Cramer, der Mann mit Pioniergeist, hat das Geschäftsmodell erfolgreich erweitert. Er erklärt das sehr zurückhaltend. Über eigene Leistungen zu sprechen, womöglich noch in Superlativen, ist seine Sache nicht. Die zeigt die Familie auf der Fläche. Jeden Tag. Seit 70 Jahren.



stats