Interview mit Christian Verschueren: "Wir bet...
Interview mit Christian Verschueren

"Wir betreiben keine Hexenjagd"

Verschueren, Christian
Vollblut-Europäer: Christian Verschueren, Diretcor-General EuroCommerce im Gespäch mit der LZ.
Vollblut-Europäer: Christian Verschueren, Diretcor-General EuroCommerce im Gespäch mit der LZ.
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Christian Verschueren, Generaldirektor des europäischen Handelsverbandes EuroCommerce, über faire Beziehungen in der Lebensmittellieferkette, Steuergerechtigkeit in einer digitalisierten Welt sowie den angekündigten Brexit, der die EU und die Handelsunternehmen vor große Herausforderungen stellt.


Herr Verschueren, müssen wir uns um die EU Sorgen machen?

Die Wiederwahl von Angela Merkel setzt positive Signale für den Wirtschaftsraum in ganz Europa, selbst wenn die Koalitionsverhandlungen noch bevorstehen. Nach dem Ausgang der Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und nun auch in Deutschland, bin ich zuversichtlich, dass wir den Berlin-Paris-Motor wieder zum Laufen bringen. Das europäische Projekt steht derzeit vor riesigen Herausforderungen. Einige EU-Staaten, etwa die "Visegrád-Staaten", stellen Binnenmarktprinzipien oder den Rechtsstaat infrage. Die Mitgliedstaaten müssen sich an die europäischen Gesetze halten, ansonsten funktioniert der Binnenmarkt nicht.

Was werfen Sie Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn vor?

Die beispiellose Protektionismuswelle, die derzeit durch Osteuropa – aber auch andere Regionen der Welt – rollt, ist wirklich besorgniserregend: Einige Staaten verabschieden Gesetze, die lokale Produkte und Händler schützen sollen und dabei ausländische Händler diskriminieren.

Welche Rolle kann Ihr Verband hier spielen?

Wir unterstützen lokale Verbände und benachrichtigen die EU-Kommission, wenn protektionistische Gesetze verabschiedet werden, die im Konflikt mit europäischen Gesetzen stehen. Es geht auch um die Wahrnehmung unserer Branche, denn ausländische Händler bringen seit mehr als zwei Jahrzehnten hohe Investitionen, Arbeit, kontinuierliche Innovation, Verträge mit lokalen Lieferanten und erhöhte Auswahl in die Region.

Hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in seiner "Rede zur Lage der Union" Mitte September die richtigen Signale gesetzt?

Ja, Juncker vermittelt Zuversicht in das europäische Projekt: Es ist ein ambitionierter Plan für die Zukunft Europas, vor allem für die Bereiche Wirtschaft, internationaler Handel, Binnenmarkt, Umwelt, Big Data und Cyber Security.

Inwiefern tangiert diese "große Politik" den Handel?

Unsere Mitglieder – Groß- und Einzelhändler – sind auf wirtschaftliche und politische Stabilität angewiesen und abhängig von einem gut funktionierenden Binnenmarkt – sei es bezüglich Waren, Dienstleistungen oder Digitales.

Der Binnenmarkt wird bald schon um einen Mitgliedstaat ärmer sein...

Die Briten träumen nostalgisch vom British Empire; sie schauen zurück anstatt nach vorn. Den Brexit kann man aber auch als Chance für den Rest der EU sehen: Es muss eine Entscheidung her, wie es weitergeht. Gerichtet an all die Schwarzmaler, denen zufolge der Brexit "nur der erste fallende Dominostein" ist, möchte ich sagen: Lasst uns aufhören, die Europäische Union totzureden, die uns Frieden und Wachstum gebracht hat. Ein Drittel der jetzigen EU-Staaten litt bis zu den 1980er-Jahren unter diktatorischen Regimen. Das gerät oft in Vergessenheit.

Würde der Verband befürworten, wenn das Königreich in der EU bliebe?

Wenn Großbritannien die Union verlässt, kommt das dem Entfernen eines Gliedmaßes gleich – bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, die Bevölkerungszahl, die politische und militärische Macht. Natürlich ist es wünschenswert, dass die Briten in der EU verbleiben. Die Briten müssen aber einsehen, dass sie nach einem Austritt unter anderen Regeln Handel betreiben werden als zuvor.

Was bedeutet der Brexit konkret für die Food-Branche?

Pro Jahr werden Lebensmittel im Wert von 56 Milliarden Euro vom Kontinent nach Großbritannien exportiert. 14000 Lkw überqueren täglich den Ärmelkanal – in die eine wie in die andere Richtung. An der Grenze Zölle zu erheben, würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Schauen Sie sich die türkisch-bulgarische Grenze als Beispiel für eine EU-Außengrenze an: Dort müssen die Lkw stundenlange Verspätungen in Kauf nehmen. Erschwernisse sind programmiert. Schon allein mit Blick auf die Notwendigkeit, die Kühlkette aufrechtzuerhalten.

Viele Handelsunternehmen, die in Europa große Marktpositionen aufgebaut haben, geraten immer öfters ins Visier der EU-Kommission. Ihnen werden "unfaire Geschäftspraktiken" unterstellt – in Form von Druck auf den Agrarsektor. Bisweilen ist von "Preisverhau" die Rede. Stehen die Handelsunternehmen zu Recht am Pranger?

In den nächsten sechs bis zwölf Monaten wird die EU-Kommission entscheiden, was sie zu den sogenannten "unfairen Geschäftspraktiken" unternehmen wird oder auch nicht. Bereits Anfang 2016 hat die Kommission betont, dass die Forderung der Landwirte, die Vertragsbeziehungen in der Versorgungskette zu regulieren, keinen Zusatznutzen bringt. Wir hoffen, dass sie dies erneut feststellen wird. Es macht keinen Sinn, mit dem Zeigefinger auf den Handel zu deuten.

Das müssen Sie jetzt so sagen.

Die Einzelhändler beziehen nur wenig direkt von Bauern – im Durchschnitt 5 Prozent von dem, was verkauft wird. Dabei gelten die Handelspraktiken, die oft von Bauernvertretern kritisiert werden, beinahe ausschließlich für Verhandlungen mit großen, meist multinationalen Unternehmen. Zum anderen handelt es sich um ein größeres Problem.

Was meinen Sie?

Die Bauern müssen infolge des russischen Embargos mit weniger Nachfrage und mit schwankenden Rohstoffpreisen fertig werden. Außerdem könnte sich auch hier bald der Brexit bemerkbar machen, wenn Zölle auf zu exportierende Milchprodukte anfallen. Den Landwirten wäre mehr geholfen, wenn man sie dabei unterstützt, sich besser zu organisieren. Dies wiederum würde ihre Position in der Lieferkette stärken. Ein besserer Austausch innerhalb der Lieferkette kann dabei helfen, auf verändertes Konsumentenverhalten oder Nachfrageschwankungen zu reagieren.

Als Vorbild, unfaire Geschäftsgebaren zu verhindern, wird oft der britische "Grocery Supply Code of Practice" genannt. Was halten Sie davon?

Dieser Kodex ist zwar als freiwilliges Projekt gestartet – ein Ansatz, den wir begrüßen –, mittlerweile jedoch gesetzlich bindend geworden. Zudem bezieht er sich nur auf die zehn umsatzstärksten Einzelhändler, nicht auf die Lieferanten – und ist damit einseitig. Gut gelungen ist demgegenüber die Implementierung durch die Ombudsfrau Christine Tacon. Sie setzt nicht so sehr auf Sanktionen, sondern weist die Händler eher auf eingegangene Beschwerden hin; das hat abschreckende Wirkung.

Uns erscheinen Sanktionen abschreckender.

Dass ein sanktionsbasierter Mechanismus nicht sinnvoll ist, zeigt sich anhand von Frankreich. Dort bestrafen Gerichte die Händler für Verhalten ihrer Einkäufer, das bisweilen sieben Jahre zurückliegt. Bis die Strafe dann auferlegt wird, arbeiten mittlerweile andere Leute für das Unternehmen. Anstelle von Strafen brauchen wir einen permanenten Dialog in der Lebensmittellieferkette.

Um einen permanenten Austausch zu etablieren, hat EuroCommerce im Jahr 2013 zusammen mit sechs weiteren Verbänden die "Supply Chain Initiative" (SCI) gegründet...

Die SCI hat Kernprinzipien definiert, wann es sich "noch" um gute und "schon" um schlechte Praktiken handelt – und ermutigt zum Aufbau nationaler Dialogplattformen. Wir begrüßen, dass in Deutschland hier neben dem Markenverband, der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und dem Handelsverband HDE auch der Bauernverband mit an Bord ist. Auch in Finnland und Belgien zeichnet sich die Teilnahme der Landwirte ab. Die Initiative muss natürlich auch "Zähne haben". Aus diesem Grund haben wir für die SCI kürzlich einen unabhängigen Vorsitzenden mit Untersuchungsbefugnis für grenzüberschreitende Fälle eingesetzt.

Die Digitalisierung verändert die Handelswelt und viele Prozesse. Lassen sich dabei die Interessen von stationären Händlern und jenen, die Online-Geschäfte betreiben, in Einklang bringen?

Den Marktkräften muss freier Lauf gelassen werden, sonst hätten wir eine Planwirtschaft. Uns als Handelsverband kommt die Aufgabe zu, Spannungen zu lösen. Gut ist es auch, mehrere europäische Online-Champions zu haben, wie eben Zalando oder Otto. Nicht zuletzt ist zu bedenken, dass die digitale Transformation viele neue Möglichkeiten birgt – für Konsumenten, aber auch für unsere Branche.

Das klingt uns angesichts eines Amazon, dessen Steuerausweichstrategien von vielen klassischen Händlern gerügt werden, etwas zu freundlich.

Ich will die disruptiven Wirkungen der Digitalisierung nicht kleinreden. Die Marktmacht der großen globalen Player wie Alibaba und Amazon hat einen großen Einfluss auf den Markt.

Was bedeutet das?

Wettbewerb liegt in unserer DNA. Wir müssen Wettbewerb indes auf Basis gleicher Spielregeln betreiben. Wir müssen uns die bestehenden Gesetze anschauen und prüfen, ob sie noch der modernen Welt entsprechen: Haben stationäre Händler gegenüber Onlinehändlern einen Wettbewerbsnachteil? Sollen Steuern bei Händlern etwa auf Basis der Quadratmeterzahl der Verkaufsfläche erhoben werden, wie dies in Frankreich oder Großbritannien der Fall ist – und dies, obwohl sie zunehmend mit globalen Onlinehändlern im Wettbewerb stehen, die einige wenige große Lagerhallen beziehungsweise Distributionszentren haben?

Die EU-Finanzminister haben Mitte September – auf Initiative der Berlin-Paris-Achse hin – beschlossen, eine "Ausgleichsteuer" für digitale Konzerne auf den Weg zu bringen. Wie beurteilen Sie den Vorstoß?

Diese Diskussion geht in die richtige Richtung – hin zu einem faireren und vereinfachten Besteuerungssystem. Wir betreiben keine "Hexenjagd" gegen große Onlinehändler. Sie halten sich mit ihren Maßnahmen zur Steueroptimierung immerhin an geltendes Recht; das darf nicht vergessen werden. Unserer Ansicht nach brauchen wir jedoch denselben Steuersatz für alle, und wir unterstützen entsprechende Vorschläge der EU und der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).



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