Tierseuche: Branche rüstet sich gegen Schwein...
Tierseuche

Branche rüstet sich gegen Schweinepest

Jan Woitas/ dpa
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) versetzt die Fleischbranche in Unruhe.
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) versetzt die Fleischbranche in Unruhe.
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Aus einer latenten Gefahr wird eine sichtbare: Die Afrikanische Schweinepest kommt nun auch Deutschland bedrohlich nahe. Die Branche bereitet sich auf den Ernstfall vor.

Die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) versetzt die deutsche Fleischbranche zunehmend in Unruhe. Zwar ist bis Redaktionsschluss noch kein Fall in Deutschland bekanntgeworden. Dennoch rumort es hinter den Kulissen. In den Schlachtbetrieben werden Notfallpläne erarbeitet und Mitarbeiter für den Krisenfall instruiert. Auch im LEH ist die Unsicherheit nach LZ-Informationen gewachsen. "Dort ist das Thema ja lange Zeit ausgeblendet worden", heißt es aus der Branche. "Das ist jetzt aber nicht mehr möglich."

Der Grund: Eine Verschleppung der ASP nach Deutschland scheint nicht mehr weit. Das Virus, das schon seit einigen Jahren in Osteuropa wütet, hat sich der Grenze jüngst sprunghaft angenähert ( siehe Kasten ). Für Menschen ist es zwar ungefährlich, für Schweine aber meist tödlich. Hierzulande leben rund 27 Mio. Hausschweine. Was die Firmen umtreibt, sind aber nicht nur die typischen "Negativbilder" bei Tierseuchen, wie es heißt, sondern auch mögliche wirtschaftliche Folgen. Der Fleischkonzern Vion etwa schätzt, dass auf die Branche Milliardenschäden zurollen könnten. Denn: Durch Exportsperren von Drittländern, die nach einem Auftreten der Seuche in Deutschland verhängt werden könnten, "wären zirka 35 Prozent des deutschen Schweinefleischabsatzes betroffen".

Bisher kein Impfstoff

Ein Impfstoff gegen die ASP existiert bislang nicht. Das zuständige Friedrich-Löffler-Institut (FLI) versichert auf LZ-Anfrage jedoch, auf Hochtouren zu forschen. Die wenigen Tiere, die die ASP überleben, sind vor einer erneuten Erkrankung geschützt. Doch: "Welche Komponenten – außer Antikörper – dafür notwendig sind, haben wir noch nicht verstanden", so Sandra Blome, Leiterin des Nationalen Referenzlabors für ASP beim FLI. Einen Impfstoff werde es daher "weder morgen, noch übermorgen" geben. Solange ist strikte Prävention gefordert – von allen Seiten.

Experten sind sich einig, dass Reiseaktivitäten von Menschen ein Hauptgrund für die ASP-Verbreitung sind: Essensreste mit infiziertem Schweinefleisch an Raststätten können von Wildschweinen gefressen werden, die den Erreger weitertragen. In einigen Bundesländern, die vom Transitverkehr zwischen Ost- und Westeuropa betroffen sind, stehen bereits Hinweisschilder an Autobahnen, die vor argloser Entsorgung warnen; die Abfälle sollen gut verpackt in den Müll wandern.

Für die Schweinehöfe gilt derweil höchste Sauberkeitspflicht. Die Halter müssen ihren Bestand bestmöglich abschirmen. "Gute Bio-Sicherheit schützt Betriebe auf jeden Fall", so Blome. Sie gibt aber zu bedenken, dass das illegale Verfüttern von Speiseabfällen in der Vergangenheit schon zu Ausbrüchen geführt hat.

Schlachter halten sich bedeckt

Die Schlachtkonzerne halten sich unterdessen zu ihren Präventionsmaßnahmen relativ bedeckt. Tönnies erklärt knapp, dass man sich und die Branche dank eigener und behördlicher Kontrollen "generell gut aufgestellt in einem engen Monitoring" sieht. Westfleisch versichert, dass selbst bei einem möglichen Krisenfall und der Sperrung von Bezirken die Fleischversorgung garantiert sei. "Die Pläne für eine konstante Vermarktung sind erstellt", heißt es. Details nennen die Münsteraner nicht. Dass das Thema ASP bei Westfleisch Priorität genießt, wird aber daran deutlich, dass die Genossen im aktuellen Info-Heft für die Landwirte auf mehreren Seiten darüber informieren.

Auch Vion klärt die Lieferanten und Mitarbeiter auf. Dank der "regional in ganz Deutschland verteilten Schlachtbetriebe" sieht sich der niederländisch-deutsche Fleischriese zudem ebenfalls in der Lage, die Produktion im Fall lokaler Sperrungen aufrechtzuerhalten. Dass unterhalb der Top vier der deutschen Schlachter – Tönnies, Vion, Westfleisch, Danish Crown – die Luft dünner würde, ist aber kein Geheimnis. "Viele Mittelständler verfügen oft nur über einen Schlachtstandort und können dementsprechend im Seuchenfall die Produktion nicht leicht verlagern. Wenn man dann in einer Sperrzone liegen würde, kann dies existenzbedrohende Auswirkungen haben", so Bernhard J. Simon, Geschäftsführer von Simon-Fleisch.

Behörden mit begrenzten Mitteln

In der Schweinepestverordnung im Bundesgesetzblatt ist festgeschrieben, welche Vorschriften im Ernstfall in Deutschland einzuhalten wären. Rund um betroffene Betriebe würde für zunächst 40 Tage ein 3 km großer Sperrbezirk errichtet, innerhalb dessen unter anderem Schweine weder in einen noch aus einem Betrieb verbracht werden dürften. Zusätzlich würde ein mindestens 7 km großes Beobachtungsgebiet um den Sperrbezirk entstehen, das für mindestens 30 Tage Bestand hätte. Auch Unternehmen, die nichts mit Fleisch zu tun haben, könnten von Straßensperren betroffen sein.

"Die Mittel der Behörden, um die Verbreitung der ASP zu verhindern oder sie gar zurückzudrängen, sind ziemlich begrenzt", sagt Detlef Stachetzki, Geschäftsführer des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF). "Wir versuchen, Handreichungen für unsere Mitglieder zu erstellen, wie sie sich im Seuchenfall verhalten sollen." Auf jeden Fall sei es wichtig, Regelungen zu finden, um mit dritten Ländern weiterhin Export treiben zu können.



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