Zwangsarbeit in der Lieferkette: Rechtsfreier...
Zwangsarbeit in der Lieferkette

Rechtsfreier Raum

Jonas Gratzer; Getty Images
 Besonders anfällig für Zwangsarbeit sind die Lieferketten bei Fisch.
Besonders anfällig für Zwangsarbeit sind die Lieferketten bei Fisch.
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Weltweit arbeiten 25 Millionen Menschen als moderne Sklaven – auch in der Food-Branche. Besonders anfällig für Zwangsarbeit sind die Lieferketten bei Fisch.

 

Sklaven sehe ich hier nicht. Die Arbeiter laufen doch alle frei rum." So naiv wie seinerzeit Franz Beckenbauer beim Besuch der WM-Baustellen in Katar geht heute kaum noch jemand an das Thema Zwangsarbeit heran.

Denn Ketten tragen die wenigsten Betroffenen, der Druck wird meist subtiler ausgeübt. Nicht nur in den arabischen Staaten, weltweit ist es an der Tagesordnung, Menschen im Arbeitsleben ihrer Freiheit zu berauben – ihnen die Pässe zu entziehen, den Lohn vorzuenthalten, über dubiose Kreditverträge in Schuldknechtschaft zu halten und mit physischer Gewalt oder sonstigem Druck zur Arbeit zu zwingen. 25 Millionen Menschen weltweit sind betroffen, berichtet die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in ihrem jüngsten Report.

Komplexe Lieferketten wie in der Konsumgüterwirtschaft sind besonders anfällig für moderne Formen der Sklaverei. "Grundsätzlich kann man heute bei keinem Produkt mit komplexer Lieferkette sicher sein, dass es ohne Sklavenarbeit hergestellt wurde", sagt Didier Bergeret, Direktor für den Bereich soziale Nachhaltigkeit beim Consumer Goods Forum (CGF). Hinzu komme, dass neue Formen von Zwangsarbeit (Forced Labour) oft schwer zu identifizieren seien, etwa die Forderung nach Einstellungs- oder Vermittlungsgebühren (Recruitment Fees). "Viele Menschen zahlen für ihren Job und sind dann auf Jahre verschuldet", so Bergeret. Dass manche Arbeiter diese Praxis für rechtens halten, weil sie es nicht anders kennen, macht das Ganze nicht einfacher.

Das CGF hat Forced Labour auch bei seinem zweiten Sustainable Retail Summit in Montreal auf die Tagesordnung gesetzt. Ein Jahr zuvor hatte die Branchenorganisation drei simple Regeln gegen diese missbräuchlichen Praktiken in den Lieferketten veröffentlicht und dafür von der ILO und NGOs wie Oxfam Beifall bekommen. Sie lauten: Jeder Arbeiter hat das Recht, sich frei zu bewegen; niemand soll für seinen Job bezahlen und über Verschuldung oder Zwangsmaßnahmen zur Arbeit genötigt werden. "Würden diese Prinzipien weltweit durchgesetzt, ließen sich 80 Prozent der Sklavenarbeit in unseren Supply Chains abwenden", sagt Bergeret.

Zwei Pilotprojekte

In zwei Pilotprojekten zu Fisch und Palmöl treibt das CGF das Thema voran. Gerade Fisch birgt hohe Risiken, wie Medienberichte über die aktuellen Vorfälle an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze und die Zustände auf thailändischen Fangschiffen deutlich machen. Migranten aus Myanmar und anderen südostasiatischen Ländern schuften unter erbärmlichen Bedingungen auf den Kuttern, die sie oft für lange Zeiträume nicht verlassen dürfen. Die internationalen Flüchtlingsströme verschlimmern die Arbeitsbedingungen vielerorts. "Wenn Menschen ihr Land verlassen müssen, um anderswo zu arbeiten, sind sie verwundbar", sagt Marika McCauley Sine, Director Human Rights bei Mars. Auf den Fischkuttern in Thailand seien neun von zehn Arbeitern Migranten, fügt Bergeret hinzu und spricht von den "Schattenseiten der Globalisierung".

Dabei seien Lieferanten ersten Grades noch recht gut zu kontrollieren, sind sich die Fachleute einig. Doch je weiter es in die Verästelungen der Supply Chain geht, desto rechtsfreier wird der Raum. "Wir haben 3 000 direkte, aber zehntausende indirekte Lieferanten", verdeutlicht Tim Smith, bei Tesco für Rechtsfragen zuständig. Besonders riskante Bereiche hat der Händler über "Heat Maps" identifiziert und setzt dort speziell geschulte Sourcing Manager ein, etwa für Bananen aus Ecuador oder Textilien aus Bangladesch.

Eine Unsicherheit bei Fisch ist laut Bergeret das sogenannte Transshipment, bei dem der Fang von einem kleinen Schiff auf ein größeres umgeladen wird, das dann in den Hafen einläuft. "Die Leute auf den kleineren Trawlern verlassen das Boot de facto nie", so der Nachhaltigkeitsexperte. Auch bei den Zulieferern von Köderfischen ist das Forced-Labour-Risiko groß: "Denn da guckt keiner hin und die werden nicht geprüft", weiß Mark Evans vom Beratungsunternehmen Omega Compliance, der lange Jahre in Südostasien tätig war.

Für David Schorr vom World Wide Fund for Nature (WWF) ist "Intransparenz geradezu die Natur dieser Branche". Licht ins Dunkel soll der "Global Dialogue on Seafood Traceability" bringen, den der WWF im April dieses Jahres startete. Auf Handelsseite gehören ihm Metro, Ahold-Delhaize und Wegmans an.

Insgesamt wird die Frage nach Menschenrechten und Arbeitsbedingungen bei Fisch noch nicht sehr lange so laut gestellt. Bislang standen in dieser Kategorie ökologische Aspekte wie die Überfischung der Meere oder die Fangmethoden im Vordergrund. Das zeigen auch die vorhandenen Nachhaltigkeitsstandards. Sie beinhalten zwar auch soziale Anforderungen, "die müssen aber stärker in den Vordergrund rücken", fordert Veronika Pountcheva, Global Director Corporate Responsibility bei Metro (siehe Interview). Für Metro habe das Thema inzwischen Top-Priorität, bestätigt Heiko Hutmacher, Mitglied des Vorstands und verantwortlich für Nachhaltigkeit. "Bei uns gilt null Toleranz, wenn es um Zwangsarbeit und illegale Beschäftigung geht."

Ein Satz, den sicher auch Walmart unterschreibt. Gemeinsam mit Tesco, Coca-Cola und Mars gehört das Branchendickschiff zu einer CGF-Arbeitsgruppe mit dem Ziel, Forced Labour aus den Lieferketten zu eliminieren. Dass nun ausgerechnet der weltgrößte Einzelhändler im Zusammenhang mit einem Zwangsarbeiterskandal in China erwähnt wird, dürfte die Sustainability-Manager in Bentonville nicht amüsieren. Was ist passiert? Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP arbeiten Nordkoreaner in der grenznahen chinesischen Stadt Hunchun in Fischfabriken, um die Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea zu umgehen und Devisen für Staatschef Kim Jong Un zu beschaffen.

Strenge Überwachung

Die Arbeiter dürfen laut AP die Produktionsstätten nicht verlassen und werden streng überwacht. Ihre Gehälter sollen zum Großteil direkt an die nordkoreanische Regierung fließen. Produziert worden sei unter anderem für Walmart. Sprecherin Marilee McInnis versichert, das Unternehmen habe seinen Lieferanten schon vor Jahresfrist untersagt, Fisch und Meeresfrüchte aus Hunchun zu beziehen.

Rewe-Verpackungen sollen ebenfalls in der Fabrik aufgetaucht sein. Gegenüber der LZ betont die Rewe Group, sie habe "derzeit keine vertragliche Beziehung zu einem Lieferanten, der bei Hunchun Dongyang Seafood Industry produzieren lässt". Ein früherer Kontrakt sei planmäßig ausgelaufen. "Wir lehnen Zwangsarbeit als verabscheuungswürdige Praxis ab", heißt es weiter. "Sollten uns Fälle von Zwangsarbeit bei Lieferanten bekannt werden, führt das zur Beendigung der Lieferantenbeziehung."

Auch Aldi wird genannt – es seien Packungen der Marke "Seafood Queen" des Discounters gefunden worden, heißt es. "Die in der Presse geschilderten Umstände in den chinesischen Produktionsstätten der Region Hunchun sind in keiner Weise mit unserem Verständnis von sozial gerechten und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen vereinbar", antwortet Aldi Süd auf Nachfrage der LZ. Bei der Auswahl der Produktionspartner durch die Lieferanten würden "mögliche Risiken in Bezug auf Menschenrechte" berücksichtigt. "Aus diesem Grund hat sich ein Großteil unserer Geschäftspartner schon früh dazu entschlossen, keine Ware aus der genannten Region zu beziehen." Derzeit beschaffe keiner der Lieferanten Fischprodukte aus der Region Hunchun für Aldi Süd Deutschland.

Aktuell prüfe der Discounter darüber hinaus, ob weitere Konsequenzen, etwa die Sperrung der Region für die Herstellung von Waren, notwendig sind.

Sortiment und Geschäftspartner hatte das Unternehmen nach eigenen Angaben auch genau gecheckt, als die Arbeitsbedingungen auf Fangschiffen in Südostasien bekannt wurden.

Lidl-Einkäufer schauen beim Thema Fisch ebenfalls genau hin: "Wir wollen die Menschen und ihre Arbeitsrechte bei der Herstellung von Fisch, Schalentieren und deren Erzeugnissen schützen", teilt die Zentrale in Neckarsulm mit. Edeka akzeptiert "in risikobehafteten Warengruppen nur noch durch die Business Social Compliance Initiative (BSCI) oder vergleichbare Standards abgesicherte Produkte". Bei Produkten, die als besonders kritisch eingestuft werden – auch hier steht Fisch ganz obenan – prüfe der Händler "besonders intensiv", woher sie kommen.

Etwas anderes als genau hinzuschauen bleibt der Branche auch in Zukunft nicht übrig. Tesco-Manager Smith vermutet, dass auf den Weltmeeren auch weiterhin "einiges schiefgehen wird". Gerade deshalb sollten Handel und Industrie sich mit aller Kraft für faire Arbeitsbedingungen einsetzen. "Wir müssen einfach dranbleiben und die Probleme lösen."



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