Paukenschlag in Neckarsulm: Warum Schwarz-Che...
Paukenschlag in Neckarsulm

Warum Schwarz-Chef Gehrig geht

Schwarz-Gruppe
Klaus Gehrig verlässt die Schwarz-Gruppe.
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Paukenschlag in Neckarsulm
Warum Schwarz-Chef Gehrig geht
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Klaus Gehrig legt sein Amt als Chef der Schwarz-Gruppe nieder. Inhaber Dieter Schwarz vertraute dem Manager nicht mehr völlig – dafür sorgte auch die Vor- und Nachgeschichte rund um die Personalie Melanie Köhler.

Paukenschlag in Neckarsulm: Klaus Gehrig legt sein Amt als Komplementär der Schwarz-Gruppe nieder. Das geht aus einer internen Mitteilung des Unternehmens hervor, die der LZ vorliegt. Die Schwarz-Gruppe hat dies bestätigt. Seine Aufgaben als Komplementär übernimmt demnach Inhaber Dieter Schwarz (81), bis Gerd Chrzanowski (49), "der designierte Nachfolger und jetzige Vorstandsvorsitzende von Lidl, das Mandat übernehmen kann", heißt es in der Mitteilung. 

Gehrig sei vom Inhaber beurlaubt "mit der Maßgabe, die weitere Zusammenarbeit in einem weiteren Gespräch zu regeln." Schwarz dankt Gehrig ausdrücklich für die "Aufbauleistung der vergangenen Jahre". Gehrig habe sein Amt niedergelegt, weil er sich in einer "für ihn wichtigen Personalie" nicht mit dem Inhaber einig gewesen sei. 

Das bedeutet: Gehrig  hat erkannt, dass sein jahrzehntelanger Erfolgsweg beendet ist. Weil er zu spüren bekam, dass Dieter Schwarz, der Inhaber der Schwarz-Gruppe, ihm nicht mehr zu 100 Prozent vertraute. Das Gespann Schwarz-Gehrig, zwischen das normalerweise kein Blatt Papier ging, hat sich voneinander entfernt. Nicht so weit, dass es zu einem offenen Zerwürfnis kam. Aber doch so weit, dass Gehrig seine Konsequenzen daraus ziehen musste.

Spätestens als Melanie Köhler Mitte Mai ging, bahnte sich das für ihn an. Gehrig war der Mentor der 30-jährigen Vorstandsvorsitzenden der Schwarz Dienstleistungen. Der Komplementär schätzte die junge Managerin. Er traute ihr viel zu. Melanie Köhler lerne zu denken wie er selbst, pflegte er zu sagen. Nicht wenige im Unternehmen hatten den Eindruck gewonnen, dass er sie zu seiner Nachfolgerin machen würde, wenn er denn könnte.


Doch Dieter Schwarz hatte andere Pläne. Dem Inhaber, so wird es kolportiert, war der rasante Aufstieg der jungen Dame im Schlepptau Gehrigs zunehmend suspekt. Als Köhler sich dann auch noch wegen eines Beschaffungsthemas für Lidl mit Chrzanowski anlegte, wie es heißt, kam es zum Schwur. Dieter Schwarz bat Gehrig, den Machtkampf im Sinne der Zukunft des Unternehmens zu entscheiden. Das soll er ihm in der für Schwarz so typischen Klarheit mitgeteilt haben.

Es war eine pragmatische und nachvollziehbare Entscheidung. Schwarz stand schlichtweg vor der Frage, wer sein Lebenswerk übernimmt falls ihm, dem 81-Jährigen oder seinem 73-jährigen Komplementär plötzlich etwas zustoßen sollte: Soll die 125 Mrd. Euro Umsatz schwere Unternehmensgruppe dann in die Hände einer noch recht unerfahrenen Jungmanagerin oder in die Verantwortung eines 49-jährigen, gestandenen Managers übergehen? Die Antwort war klar, Gehrig verstand das – und handelte im Sinne des Inhabers, auch wenn ihm das persönlich gegen den Strich ging.

Der  Gedanke, dass er, Gehrig, irgendwann nicht mehr Teil des größten deutschen Handelskonzerns sein könnte, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch fremd. Am liebsten, so soll er im kleinen Kreis geäußert haben, wäre es ihm, wenn man ihn irgendwann aus dem Unternehmen tragen würde. Gehrig wollte nicht gehen. Das Unternehmen war sein Leben. Er hat es in Jahrzehnten der engen Zusammenarbeit mit Dieter Schwarz von einem regionalen Player zum größten Handelskonzern Europas und zur Nummer vier der Welt aufgebaut. Es ist ein eindrucksvolles Lebenswerk, der Komplementär wollte und konnte nicht von ihm lassen.

Dieter Schwarz wusste das. Und er wusste um die Gefahren, die das für Gehrigs designierten Nachfolger Chrzanowski mit sich brachte. "Es werden unruhige Wochen",  prophezeiten hochrangige Manager in Neckarsulm als Melanie Köhler ging. Und: "Chrzanowski darf jetzt keinen Fehler machen." Er machte keinen. Im Gegenteil. Gehrig bekam zu spüren, dass Dieter Schwarz dem Mann vertraute. Dazu trug auch bei, dass Chrzanowski als CEO von Lidl funktionierte. Dabei kam ihm auch zugute, dass er bereits seit Jahrzehnten in der Gruppe tätig ist, über hervorragende Netzwerke verfügt und die Lidl-Länderchefs schnell hinter sich brachte.

Dass sich die Kennzahlen des Discounters in der Corona-Pandemie verbesserten, dürfte dem Zahlenmenschen Dieter Schwarz zusätzlich angenehm aufgefallen sein. Chrzanwoski schaffte es, einen direkten Draht zum Inhaber aufzubauen und zu pflegen. Übrigens ebenso wie Kaufland-Chef Frank Schumann. Dass die Vorstandsvorsitzenden von Kaufland und Lidl direkt mit Schwarz  kommunizierten, war intern ein großes Thema. Denn zumindest die jetzige Generation von Managern konnte sich an eine solche Situation nicht mehr erinnern. Schwarz hatte sich lange Zeit operativ zurückgehalten - und Gehrig die operative Steuerung von Kaufland und Lidl weitgehend überlassen.



In den vergangenen Jahren und Monaten wurde Schwarz aber zunehmend präsenter. Erst bei Kaufland, wo er die vom CEO Patrick Kaudewitz und Gehrig auf den Weg gebrachte "Lidlisierung" im Management und in den Sortimenten brüsk stoppte. Und zuletzt auch in der Streitfrage Melanie Köhler, in der sich  Chrzanwoski durchsetzte. Auch gegen Gehrig. Ohne die Unterstützung von Schwarz wäre das für Chrzanowski nicht zu überleben gewesen. Er hat diese Unterstützung, das muss Schwarz Gehrig sehr klargemacht haben.

Für Gehrig konnte das nur heißen, dass seine Zeit gekommen war. Denn trotz seiner Ecken und Kanten, trotz seines Machtanspruchs und seiner Härte, stand eines für Gehrig immer im Vordergrund: Die totale, fast schon demütige Loyalität dem Inhaber gegenüber. "Der Inhaber hat immer recht", sagte Klaus Gehrig einmal in einem persönlichen Gespräch. Er hat sich bis zum Schluss an dieses Motto gehalten – auch als es plötzlich um ihn selbst ging.





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