Zuckerhut-Preisträger 2021: Edeka Niemerszein...
Zuckerhut-Preisträger 2021: Edeka Niemerszein

Voller Fokus auf die Fläche

Carsten Milbret
Kaufleute mit Bodenhaftung: Volker und Andrea Wiem aus der Inhaberfamilie sowie Geschäftsführer Frank Ebrecht (v.l.n.r.).
Kaufleute mit Bodenhaftung: Volker und Andrea Wiem aus der Inhaberfamilie sowie Geschäftsführer Frank Ebrecht (v.l.n.r.).
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Zuckerhut-Preisträger 2021: Edeka Niemerszein
Voller Fokus auf die Fläche
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Edeka Niemerszein ist nicht nur in Hamburg eine Institution, sondern auch darüber hinaus. Die Kaufmannsfamilie hat sich einen Ruf als Sortimentsspezialistin erarbeitet. Die Inhaber suchen mit aller Konsequenz die Nähe zur Fläche.

Kaufleute betonen gern, dass ihr Platz in den Märkten ist. Dass sie sich am wohlsten zwischen den Regalen fühlen, inmitten von Ware, Mitarbeitern und Kunden. Sich ganz der Leidenschaft auf der Fläche zu widmen und auf ein eigenes Büro für die vermeintlich lästige Verwaltungsarbeit zu verzichten, das mag und kann dennoch kaum ein selbstständiger Einzelhändler verwirklichen. Anders sieht es bei Edeka Niemerszein aus. Wer ein Mitglied der Kaufmannsfamilie in Persona antreffen möchte, hat tatsächlich die größten Chancen, wenn er in einem ihrer Märkte in Hamburg einkauft.

Denn: "Einen eigenen Schreibtisch in der Verwaltung haben wir nicht", berichtet Andrea Wiem, Tochter des Firmengründers Dieter Niemerszein senior. Mit ihrem Ehemann Volker Wiem steuert sie das Geschäft lieber von der Fläche aus. Ihr Bruder Dieter Niemerszein junior kümmert sich um Marketing, Werbung und Social Media. Ihr Vater unterstützt als Mitgesellschafter im Hintergrund. Und für die eher "ungeliebten" Verwaltungsaufgaben? Haben die Inhaber mit Frank Ebrecht einen Geschäftsführer engagiert, der dafür als einziges Mitglied der Chefetage ein Büro in der Zentrale sein Eigen nennen darf, wie Volker Wiem mit einem Augenzwinkern verrät.

Die konsequente Nähe zur Fläche gilt als Erfolgsrezept. Die Familie hat sich den Ruf erarbeitet, ein exzellentes Gespür für die Bedürfnisse des Marktes zu besitzen. Niemerszein ist eine Institution in Hamburg. 1965 gestartet, betreibt die Familie inzwischen neun Märkte und eine Convenience-Eigenproduktion mit 15 Mitarbeitern, die in der Branche als vorbildlich gilt. Alles in allem zählt das Unternehmen über 500 Beschäftigte. Der Brutto-Umsatz lag 2020 bei 108 Millionen Euro. Der Frische-Anteil notiert bei 60 Prozent. Obgleich sich die Lage nach dem aufreibenden Anfang der Corona-Pandemie wieder normalisiert, rechnet Niemerszein für 2021 erneut mit einem, wenn auch leichten Umsatzplus auf 112,5 Millionen Euro.

Dabei bekräftigen die Eheleute Wiem unisono, dass sie glücklich seien, genau das machen zu können, was ihnen am meisten Spaß mache: "Lebensmittel nah am Kunden verkaufen". Bei Andrea Wiem heißt das: Sie arbeitet für gewöhnlich im Markt in der Osterstraße in Hamburg-Eimsbüttel. Sie packt Regale, wischt sie aus und unterstützt die Marktleitung bei Arbeiten, die sonst noch anstehen.
„Kunden, Ware und Mitarbeiter – darauf basiert unser Geschäft. Das ist das A und O“
Volker Wiem, Inhaber Edeka Niemerszein

Volker Wiems angestammter Platz ist unterdessen das Geschäft in der Langen Reihe im Stadtteil St. Georg, wo er in der Wein- und Spirituosenabteilung Kunden berät. Natürlich ist das nur ein Ausschnitt der Wahrheit. Führungsaufgaben müssen trotzdem erledigt, strategische Weichen gestellt werden. Doch: Auch um öfters auf der Fläche sein zu können, hat Volker Wiem im vergangenen Jahr sogar sein Aufsichtsratsmandat bei Edeka Nord niedergelegt.

"Weil wir im Alltag in den Filialen in den Teams mitarbeiten, haben wir einen ganz anderen Blick aufs Geschäft", ist Andrea Wiem überzeugt. "Wir kriegen vor Ort alles hautnah mit. Wir sehen, was gut läuft, aber auch, welche Abläufe verbesserungsfähig sind – und können daher schnell und praxisnah auf Probleme und Herausforderungen reagieren." Klar ist: Der Blick für kleine Dinge wird geschärft, für Packfehler im Regal etwa, die sich kaschieren ließen, wenn die Chefin nur zum Marktbesuch käme.

Zu Pandemie-Beginn haben die Kaufleute so aber auch rasch gemerkt, dass völlig getrennt arbeitende, feste Schichten zwar die Ansteckungsgefahr verringern mögen, starre und unflexible Arbeitszeiten aber nicht im Sinne vieler Marktmitarbeiter sind. Also folgten sie der Empfehlung der Edeka zur strikten Trennung nicht. Insgesamt dringen Mitarbeiter- und auch Kundenwünsche schneller und ungefiltert zu den Inhabern durch. Geschäftsführer Ebrecht sorgt letztlich dafür, dass dabei der Blick für das große Ganze nicht verlorengeht.

Das alles spiegelt sich auf der Fläche. Die Filialen sind mit 650 bis 2000 Quadratmetern relativ klein. Entsprechend intensiv müssen die Kaufleute am Sortiment arbeiten. Unnötiges und "Penner" im Regal können sie sich aus Platzgründen nicht leisten. Niemerszein hat sich deshalb extrem auf Lebensmittel fokussiert; die Food- und Food-nahen Bereiche machen bis zu 98 Prozent des Umsatzes aus. Zugleich hat sich die Familie das Ziel gesetzt, den Kunden auf engem Raum aber nicht nur ein ausgewähltes, sondern eben auch ein besonderes Sortiment zu bieten.

Dabei gelingt es ihr immer wieder, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Beispiel Tierwohl: Vor 20 Jahren hat die Familie beschlossen, keine Eier im Preiseinstieg mehr zu führen – lange bevor die Käfighaltung verboten wurde. Bei Fleisch gibt es seit 15 Jahren keinen Preiseinstieg mehr. Räucherlachs ist der dritte Bereich, in dem die Kaufleute auf Billigware verzichten. Wenn Andrea Wiem erklärt, dass man die Entscheidungen aus Überzeugung getroffen habe und "nicht weil es gerade Mode ist", dann ist das vor diesem Hintergrund glaubwürdig.
„Wir haben in Hamburg schon immer die Discounter und Mitbewerber um uns gehabt. Da mussten wir uns eine Nische suchen“
Andrea Wiem, Inhaberin Edeka Niemerszein

Auch bei Innovationen hat sich Niemerszein hervorgetan. Die Familie gehörte vor knapp 18 Jahren zu den ersten Händlern, die die Marken Fritz Kola und Sylter Salatfrische führten – heute Standard im Vollsortiment. Auch hat Niemerszein schon vor 16 Jahren Kaffee eines Hamburger Rösters eingelistet, als es lediglich einen eigenständigen lokalen Anbieter in der Stadt gab. Insgesamt zählen die Kaufleute heutzutage mehr als 100 regionale und lokale Streckenlieferanten aus den unterschiedlichsten Warenbereichen.

Dass bei der Freude an Neuem nicht alles ein Volltreffer ist, versteht sich von selbst. Die Idee, Obst und Gemüse in der Bedienung einzuführen, kam 2013 wohl zu früh. Der Zuspruch der Kunden blieb gering, das Angebot wurde einstampft. Aber die Erfolge überwiegen. Niemerszein kommt zugute, dass das Umfeld, in dem sich die Märkte befinden, urban und nicht zu preissensibel ist. Der Verzicht auf den Preiseinstieg in ausgewählten Segmenten hat keine spürbar negativen Folgen. Neuheiten treffen auf eine offene und recht kaufkräftige Kundschaft. Im Wettbewerb mit benachbarten Discountern und Vollsortimentern hat die Familie so sogar ihre Positionierung in einer profitablen Nische gefunden.

Die einzelnen Sortimentserfolge sind indes kein Zufall. Neben dem täglichen Input auf der Fläche hat Niemerszein die Suche nach Neuheiten auch ein Stück weit institutionalisiert. Alle vier Wochen trifft sich ein Gremium, bestehend aus den Inhabern, Geschäftsführer Ebrecht und Mitarbeitern der Sortimentsoptimierung, um über neue Produkte zu sprechen. Dazwischen sammelt das Team Ideen – im Urlaub, auf Dienstreisen, bei Marktbesuchen im In- und Ausland, auf Messen, von Beschäftigten. Auch Hersteller melden sich mit Produktvorschlägen. Bei der Runde kommt alles auf den Tisch und es geht ans Eingemachte, ans "Sehen, Schmecken, Anfassen, Begutachten", beschreibt Geschäftsführer Ebrecht.

Wer vor der Jury besteht, kriegt eine Listung, testweise, saisonal oder auf Dauer. Sechs Monate erhalten neue Artikel in der Regel zunächst, um sich im Supermarkt zu beweisen. Doch selbst wenn es nicht auf Anhieb läuft, die Drehzahlen zu niedrig, die Abschriften zu hoch sind – wird bei einem vielversprechenden Produkte dennoch versucht, ihm beispielsweise mit einer anderen Platzierung zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Kaufmannsfamilie erklärt, dass sie Partnerschaften "auf Augenhöhe" pflege – nicht nur extern mit Herstellern, sondern auch intern mit den Mitarbeitern. So werde dort unter anderem auf geregelte Arbeitszeiten Wert gelegt, es gebe eine "überdurchschnittliche Bezahlung, inklusive Urlaubs- und Weihnachtsgeld".

Die Familie betont zudem, unternehmerisch langfristig zu denken. In der Tat hat sich Niemerszein in der Vergangenheit auch von Rückschlägen nicht beirren lassen. In der Firmenhistorie ging es nicht immer nur bergauf. Gleich der erste Markt, den Dieter Niemerszein senior 1965 noch unter Spar-Flagge in Norderstedt nördlich von Hamburg eröffnete, erwies sich als Flop. Die versprochene Bebauung des Umfelds blieb aus – und damit die Kundschaft. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, machte Niemerszein aber drei Jahre später mit seinem damaligen Geschäftspartner August Glasmeyer einen Markt in Hamburg-Eimsbüttel auf, der damals mit 750 Quadratmetern Verkaufsfläche als größter Spar-Markt Europas eine Sensation darstellte.
„Intensive Sortimentsarbeit zeichnet uns aus. Wegen der kleinen Flächen haben wir keinen Platz für 'Penner' in den Regalen“
Frank Ebrecht, Geschäftsführer Edeka Niemerszein

Hier und da folgten zwar weitere Rückschläge. 1978 etwa ließ sich Niemerszein von Spar überreden, mehrere Märkte auf dem platten Land tief in Schleswig-Holstein zu eröffnen – doch die Einwohner wollten nicht beim Händler aus der Großstadt Hamburg einkaufen. Insgesamt war aber schnell klar, dass Niemerszein auf dem richtigen Weg ist. 1979 erhielt der Unternehmer mit Kompagnon Glasmeyer den Goldenen Zuckerhut, und schon damals hob die LZ die "Liebe zum Beruf und persönliche Tüchtigkeit" hervor.

Eigenschaften, die offenbar auch seine Nachfolger besitzen. 1996 holte Dieter Niemerszein senior seine Tochter Andrea und Volker Wiem, ebenfalls Spross einer Spar-Kaufmannsfamilie, als Gesellschafter an Bord. Einher ging der Schritt mit der Trennung vom Geschäftspartner Glasmeyer, dessen Nachwuchs inzwischen bei Rewe angedockt hat. Dieter Niemerszein junior folgte der Schwester und dem Schwager 2003 ins Unternehmen.

Als "Meilenstein" sieht die Familie, neben der Übernahme der Spar durch Edeka im Jahr 2005, für sich auch die Eröffnung ihres größten Marktes 2013 in der Langen Reihe. Auf 2000 Quadratmetern konnte Niemerszein noch einmal neue Ideen realisieren, atmosphärisch und im Sortiment – und für die Filiale etliche Branchenpreise einheimsen, wodurch der Händler bundesweit ins Rampenlicht rückte.

Welcher Traum da noch für die Zukunft bleibt? "Ein Markt mit 2500 bis 3000 Quadratmetern wäre schön, mit der Verwaltung darüber, einer ebenerdigen Produktion – und mit Blick auf die Alster", sagt Volker Wiem – erneut mit einem Augenzwinkern. Mit einem eigenen Büro für die Kaufleute wäre aber wohl auch dann nicht zu rechnen.


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