Globus in Krefeld: Eine neue Welt
Globus in Krefeld

Eine neue Welt

Thomas Fedra
An den Bedientheken und auch in der Selbstbedienung setzt Globus auf Produkte aus eigener Herstellung.
An den Bedientheken und auch in der Selbstbedienung setzt Globus auf Produkte aus eigener Herstellung.
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Globus in Krefeld
Eine neue Welt
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In Krefeld hat Globus die einstige Real-Markthalle in Rekordgeschwindigkeit umgebaut. Aus dem Vorzeigemarkt mit Premiumanspruch ist ein moderner, aber Globus-typisch bodenständiger Markt geworden – mit Fokus auf Eigenproduktion und Gastronomie.

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Mario Wendt ist ein erprobter Handelsmann. In den vergangenen 20 Jahren stand er in den Diensten von Real. Dort hat er – wie viele Mitarbeiter der ehemaligen Metro-Tochter – Höhen und Tiefen, Konzeptumstellungen und schmerzhafte Einschnitte erlebt. Zuletzt gab es Durchhalteparolen. Wendt war als operativer Manager stets an vorderster Stelle betroffen. Zuletzt allerdings fand er sich als Geschäftsleiter der Krefelder Markthalle, dem sündhaft teuren Leuchtturmprojekt Reals, in einer privilegierten Rolle wieder. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei: Seit Mai weht die Globus-Fahne vor der Markthalle.

"Ich komme mit der neuen Welt sehr gut klar", sagt Wendt. Vor seinem Neustart an bekannter Wirkungsstätte war er einen Monat lang zur Einarbeitung in einem anderen Globus-Markt tätig gewesen. Dort konnte er sich mit den Abläufen, Systemen und der Arbeitsweise vertraut machen und "ein bisschen als Botschafter zwischen der alten und künftigen Welt fungieren", sagt er. Geschäftsleiter Wendt und die Mitarbeiter in Krefeld müssen umdenken. Sie sind jetzt Teil einer neuen Welt – der Globus-Welt.

Neue Unternehmenskultur

Die Globus-Philosophie war für Wendt und alle 239 von Globus übernommenen Mitarbeiter neu. In der zweiwöchigen Umrüstphase wurde die gesamte Mannschaft vorbereitet: Noch nie hat er ein so ausführliches Onboarding erhalten wie bei Globus, sagt Wendt, der seit den Neunzigern schon mehrere Übernahmen miterleben musste. "Globus hat sich Zeit genommen für die Mitarbeiter. Zu Beginn hatten wir eine Woche lang eine Einführungsveranstaltung, sowie Schulungen zur Unternehmenskultur und dem Kennenlernen", sagt er.

Eigenverantwortung wird bei Globus groß geschrieben – insbesondere auf der Ebene der Abteilungsleiter. Die Spielräume sind hier ganz andere als zu Real-Zeiten. Dafür bedarf es allerdings Mitarbeiter, die wollen und können. Wendt nennt ein Beispiel: "Bei Kundenbeschwerden kann der Mitarbeiter selbstständig agieren, er braucht niemanden fragen. Bei uns entscheidet der Mitarbeiter bis 500 Euro eigenständig."

"Das Unternehmen verfügt über ein beachtliches Schulungspaket", assistiert Marco Wuschisch, bei Globus als Vertriebsleiter für die Region West zuständig. Neben der Umstellung auf Systeme, Hygiene- und Platzierungskonzepte macht der Händler die Firmenkultur zur Chefsache: So sei mit Uwe Wamser auch einer der Globus-Geschäftsführer in der Schulungsphase mit an Bord gewesen. Am Sonntag vor Eröffnung schaute der geschäftsführende Gesellschafter Thomas Bruch mit Familie in Krefeld vorbei. "Das ist eben der Unterschied zu einem Konzern", sagt Wuschisch.
Standortfakten
Adresse: Hafelstraße 200, 47809 Krefeld
Investitionen: kleinerer, einstelliger Millionenbetrag
Eröffnung: 10. Mai 2021
Vk-Fläche: 11.200 qm
Sortiment: 85.000 Artikel
Mitarbeiter: 250
Durchschnittsbon: 50 Euro (Ziel)
Kassen: 12 plus 9 SB-Kassen
Parkplätze: 1000
ÖZ: Mo-Sa 7-22 Uhr

Zur Eingewöhnung hat Globus zudem ein Paten-System für alle insgesamt 16 Übernahme-Märkte etabliert – sowohl auf Abteilungs- als auch auf Marktleiterebene. Jedes Haus habe eine Patenschaft für einen anderen Bereich je nach Bedarf für bis zu einem Jahr übernommen, erläutert Wuschisch, der sich als "Sparrings-Partner" von Hausleiter Wendt versteht. Ungefähr alle zwei Tage seien sie miteinander im Gespräch. Eine enge Betreuung sei gerade am Anfang wichtig. Tage- oder wochenweise helfen zudem Fachberater auf der Fläche aus. "Der Geschäftsleiter vor Ort bestimmt das Tagesgeschäft", betont Wuschisch. "Ich spreche mit Herr Wendt etwa darüber, wo der Markt in fünf Jahren stehen soll. Davon muss er eine Vorstellung haben."

Globus legt von Anbeginn beim Thema Real-Hinterlassenschaft viel Ehrgeiz an den Tag. 16 Märkte sind kein Pappenstiel. Krefeld und Braunschweig sind die beiden jüngsten Zugänge. Dabei verfügt Globus durchaus über viel Erfahrung bei Übernahmen ehemaliger Massa- und Real-Standorte – vor langer Zeit Kaiserslautern und später Wiesbaden-Nordenstadt oder Hattersheim. Die Saarländer schafften es an vielen Stellen, ihre perfekte SB-Warenhaus-Systematik zu entfalten. Umsatzverdopplungen waren nicht selten die Folge. Es wurde aber auch schon Lehrgeld bezahlt. Dabei spielten stets Umstellungsqualität und Investitionen eine zentrale Rolle. Die erfahrene Angst, sich zu übernehmen oder die eigenen Konzepte nicht konzepttreu zu implementieren, möchte Globus bei der großen Real-Aufleseaktion nicht noch einmal durchmachen.

Globus hat in Krefeld das Rad nicht neu erfunden, sondern hat die teilweise sehr kostspielige Einrichtung aus dem Eröffnungsjahr 2016 weitgehend übernommen. Wer Globus kennt, weiß aber, dass die Diskussionen darüber, was Globus-typisch ist und unbedingt gemacht werden sollte, nie einfach sind. Investitionen sind nötig, aber die Technik für die Produktion von Fleisch, Wurst und Backwaren ist immens teuer. Dennoch ist die Produktion ein Herzstück der Globus-Philosophie. So habe Globus die Produktionsbereiche im Vergleich zur ehemaligen Markthalle erweitert und Maschinen zugekauft. Das hauseigene Back-, Konditorei- und Metzgerhandwerk stellt der Händler auch in der Kundenansprache heraus. "Wir arbeiten ausschließlich mit unseren eigenen Produkten", sagt Wuschisch.

Das Lebensmittelsortiment ist deutlich breiter und tiefer geworden, sagt Wendt. Das Trockensortiment, Wuschisch zufolge die "größte und umsatzstärkste Warenwelt", haben die Saarländer deutlich vergrößert. Vegane und vegetarische Artikel sowie laktose- oder glutenfreie Produkte präsentiert der Händler im Block. Auch die Kühlabteilung hat Globus um einen Regalzug erweitert, die Nonfood-Fläche im hinteren Teil des Marktes dagegen von ursprünglich 37 auf 20 Prozent der gesamten Verkaufsfläche verkleinert. Der Bereich umfasst sowohl Haushalts-, Wäsche-, Wohntextil-, als auch eine verkleinerte Spiel- und eine deutlich größere Schreibwarenabteilung. Letzteres sei eines der Kompetenzsortimente von Globus, sagt Wuschisch. "Wir haben damit die junge Familie im Blick."

Große Flächen seien in der Real-Markthalle dagegen mit Sortimenten belegt gewesen, die Globus gar nicht führe. Sportartikel, Fahrräder, Fernseher und Bekleidung wurden aussortiert. "Wir bei Globus sehen uns als großen Lebensmittel- und Produktionsmarkt, nicht als Verkäufer von Fernsehern", so Wuschisch. Auch das Drogeriesortiment wurde erweitert – um hochwertige Düfte und dekorative Kosmetik.

Erweiterung der Gastronomie

Den Frische- und Gastronomiebereich, das "Herzstück des Marktes", hat Globus von 280 auf 350 Sitzplätze erweitert. Zwar ähnelte das vorherige Markthallen-Konzept mit seinen verschiedenen Frische-Inseln dem Globus-Auftritt. "Das Gastronomie-Konzept von Globus mit seiner jahrelangen Tradition ist aber deutlich vielfältiger", sagt Wuschisch. Der Pizzaofen ist geblieben. Dort wird jetzt nach Globus-Rezepten gebacken. Weggefallen sind die Kaffeerösterei und die Austernbar, die den Premiumanspruch der Real-Markthalle unterstreichen sollte: "Eine Austernbar passt nicht zu Globus." Austern gebe es bei Globus, aber dabei solle allein das Produkt im Vordergrund stehen.

Noch ist nicht alles perfekt. Der Markt präsentiert sich aber wesentlich bodenständiger als sein Vorgänger. Das wird auch in der Wein- und Spirituosenabteilung deutlich, die sich nun direkt links vom Eingang befindet. Ein langer Tisch soll hier, sobald die Pandemielage es zulasse, für Verkostungen genutzt werden. Weine über 20 Euro findet der Kunde hier kaum noch. Die beliebtesten Weine kosten im Schnitt zwischen 5 und 10 Euro, sagt Wendt. Doch wenn ein Kunde einen teureren Wein wünsche, setze er alles daran, dass er diesen oder eine gleichwertige Alternative bekomme: "Wir passen unser Sortiment dem Kunden an. Wenn wir ein Jahr am Netz sind, wird es sich verändert haben."

Vor Veränderungen hat Mario Wendt bekanntermaßen keine Angst. Er und sein Kollege Wuschisch werden sich an den Zahlen messen lassen müssen. Ein Markt wie Globus Krefeld muss über 60 Millionen Euro Umsatz schaffen.


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