Corona-Krise Hersteller erleiden bedrohliche Umsatzverluste

von Miriam Hebben, Hans Bielefeld, Heidrun Krost, Tassilo Zimmermann und Hendrik Varnholt
Freitag, 03. April 2020
In der Krise sei auch die Nachfrage nach dekorativer Kosmetik gesunken, so Essence-Mutterkonzern Cosnova.
Daniel Reiche
In der Krise sei auch die Nachfrage nach dekorativer Kosmetik gesunken, so Essence-Mutterkonzern Cosnova.
Corona-Krise
Hersteller erleiden bedrohliche Umsatzverluste
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Längst nicht alle Lieferanten profitieren vom Boom in den Supermärkten. Ob Brau-, Kosmetik- oder Nonfood-Branche: Die Umsatzverluste und Liquiditätsengpässe mancher Hersteller sind bedrohlich.

In der Getränkewirtschaft hat die Corona-Krise eine Kettenreaktion ausgelöst: Geschlossene Gaststätten legen auch den Gastro-orientierten Getränkefachgroßhandel (GFGH) lahm. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, der Fuhrpark ist stillgelegt – und die Inhaberfamilien haben oft kaum Rücklagen. "Die Branche lebt sowieso von der Hand in den Mund", sagt ein Kenner. Viele Betriebe haben Anträge auf rückzahlungsfreie Soforthilfen gestellt. "Allerdings fehlt es in den meisten Bundesländern an Lösungen für Betriebe ab 50 Mitarbeitern", sagt GFGH-Verbandschef Dirk Reinsberg.

Vielen der knapp 500 Mitglieder blieben aktuell nur die KfW-Kredite. Doch "kaum überwindbare Zugangsvoraussetzungen, zu hohe Zinsen und zu kurze Rückzahlungsfristen" machten sie für viele Betriebe nicht besonders attraktiv, sagt Reinsberg.

Der GFGH-Verband fordert eine Kompletthaftung der KfW. Aktuell müssten die Hausbanken für 10 bis 20 Prozent einstehen oder zusätzliche Sicherheiten vom Hilfesuchenden einfordern. "Das macht es umständlich, dauert zu lange und dürfte in vielen Fällen die Frage aufwerfen, ob die Bank in solchen Hoch-Risiko-Fällen überhaupt haften kann und will", sagt Reinsberg. Ein Kritikpunkt, der auch aus anderen Branchen vielfach zu hören ist. Dabei müsste es gerade jetzt schnell gehen. "Die Liquiditätslage ist bei vielen Unternehmen eng", sagen auch die Experten von McKinsey.

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Während die Bierfässer auf den Höfen darauf warten, noch vor ihrem Verfallsdatum wieder bewegt zu werden, ist der Cashflow oft vollständig zum Erliegen gekommen. Viel Lob gab es aus GFGH-Kreisen für Großbrauer Veltins, der seinen Kunden 60 Prozent des Warenwertes der jüngsten Fassbier-Bestellung zurücküberweist. "Wir wollen unseren langjährigen Partnern helfen, die angespannte Liquiditätssituation zu bewältigen", sagte Veltins-Generalbevollmächtigter Michael Huber.

Auch andere Brauer sind um Lösungen bemüht. Doch das Problem ist: Gerade kleinere Brauereien kämpfen ihrerseits um jeden Cent. Die unterfränkische Wernecker Bierbrauerei verkündete in einem emotionalen Social-Media-Video vergangene Woche, das Geschäft aufzugeben. Sie wird mit der Entscheidung wohl nicht allein bleiben. Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Brauer-Bundes, die der LZ vorliegt, ergibt ein besorgniserregendes Bild. Wegen des Ausfalls von Umsätzen, Mieten und Pachten sehen drei von vier Brauereien Probleme bei der Tilgung von Finanzierungen auf sich zu kommen. Jede zweite bewertet die Maßnahmen von Bund und Ländern als unzureichend. Auch hier werden Lösungen für den Mittelstand eingefordert. "Darlehen werden das Problem nicht lösen, sondern nur aufschieben", heißt es in dem Papier des Brauer-Bunds.


Die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums, die Biersteuer für dieses Jahr zu stunden, ließ viele regelrecht aufatmen. Alles Geld, das in den Kassen bleibt, hilft – auch mit Blick auf den Tag x, an dem die Gastronomen wieder öffnen. Dann müssen sie Waren einkaufen, für die sie kein Geld haben, und damit das Problem an Großhandel und Industrie weitergeben. Schon jetzt wird hinter den Kulissen über verlängerte Zahlungsziele gesprochen.

Auch Kosmetik und Non-Food sind stark betroffen

Auch Kosmetikunternehmen setzt die Corona-Krise zu. So hat Body Shop alle seine Filialen in Deutschland und Österreich geschlossen. Die Umsätze im Online-Shop würden zwar "etwas zulegen", könnten die Verluste aber nicht ausgleichen, erklärt Body Shop. Auch der Make-up-Hersteller Cosnova erwartet für die kommenden Monate "deutliche Umsatzeinbußen". In der Krise sei die Nachfrage nach dekorativer Kosmetik gesunken. Zudem hat das Virus wesentliche Teile der Lieferanten des Mittelständlers lahmgelegt. "In der Produktion treffen uns die aktuellen Fabrikschließungen in Italien, denn ein beachtlicher Teil unserer in Europa gefertigten Produkte kommt von dort." Zurzeit könne Cosnova den Stillstand aber abfangen, da sich das Unternehmen "gut bevorratet" habe. Bis Ende Mai werde man keine Staatshilfen oder Kurzarbeit in Anspruch nehmen müssen.

Weltmarktführer L’Oréal will bis Ende Juni ohne Kurzarbeit durchhalten, obwohl der Konzern schon im ersten Quartal mit einem Umsatzrückgang von etwa 5 Prozent rechnet. Ein Grund dafür dürften auch die Filialschließungen von Douglas und Karstadt Kaufhof sein. Beide Händler zahlen ihre Rechnungen nach LZ-Informationen nur noch mit großer Verzögerung.

Zahlungsmodalitäten setzen auch die Nonfood-Branche unter Druck. Bei chinesischen Produzenten gilt das eiserne Prinzip: Erst nach Zahlungseingang werden die Waren für die Verschiffung nach Europa freigegeben. Bis die gelieferte Ware von den Handelspartnern bezahlt wird, müssen eigene Mittel oder Bankkredite zur Überbrückung dienen. Nun bleiben viele Lieferanten auf ihren vorfinanzierten Waren sitzen, weil große Teile des deutschen Nonfood-Handels schließen mussten. Bei den Top-Entscheidern in LEH und Drogerien ist die Kategorie wegen des Runs auf Notwendiges in den Hintergrund gerückt. Das könnte nach Einschätzung von Insidern zu Liquiditätsengpässen führen, wie sie diese Branche noch nicht erlebt hat. Die Rede ist bereits von einer bevorstehenden Bereinigungswelle.

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