Getränkehersteller "Einige wollen den Knall noch immer nicht hören"

von Miriam Hebben
Freitag, 27. März 2020
Europaweite Einblicke: Thomas Hinderer, Vorstandsvorsitzender von Eckes-Granini
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Europaweite Einblicke: Thomas Hinderer, Vorstandsvorsitzender von Eckes-Granini
Getränkehersteller
"Einige wollen den Knall noch immer nicht hören"
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Als einer der führenden Getränkehersteller in Europa muss Eckes-Granini mit fehlenden Gastronomie-Umsätzen umgehen. Und tut das mit Zuversicht. CEO Thomas Hinderer über entschlossene Politiker, anziehende Retail-Umsätze und das Engagement der eigenen Mitarbeiter

Herr Hinderer, Sie haben direkten Einblick in elf Märkte. Wussten Sie vor uns, was auf Deutschland zukommt?

Ehrlicherweise gehörte ich zu denjenigen, die den Knall ganz am Anfang nicht so richtig realisiert haben. Das hat sich Anfang März rasch geändert. Das ging manchen Menschen und Regierungen wohl auch so, deswegen wurde dort sehr spät reagiert. Die Folge sehen wir an den traurigen Bildern in Italien und Spanien. Bedenklich stimmt mich, dass einige den Knall noch immer nicht hören wollen.

Sie meinen den US-Präsidenten?

Aussagen führender Politiker in den USA oder Brasilien erschüttern mich. Aber wir müssen gar nicht so weit weg gehen. In Skandinavien herrscht vielfach noch Normalbetrieb. So sind in Schweden viele Restaurants geöffnet.

In vielen Ländern machen Sie zwischen 30 und 50 Prozent Ihres Geschäftes im Außer-Haus-Markt. Entlastet es nicht auch, dass Umsätze nicht überall zeitgleich wegbrechen?

Nein. Wenn wir nach Italien schauen, wo täglich mehrere hundert Menschen sterben, dann kann es nur einen Schluss geben: Je schneller wir die Verbreitung des Virus bremsen und das Gesundheitssystem sich wappnen kann, desto besser ist es für uns alle. Ich stehe voll und ganz hinter den Entscheidungen unserer Politiker. Die Entschlossenheit, die unser bayerischer Ministerpräsident Markus Söder oder auch der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz gezeigt haben, verdient unsere vollste Anerkennung. Jeder Tag des Zögerns kostet Menschenleben.

Und doch werden kritische Gedanken über gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen lauter. Wie lange verkraftet die Wirtschaft einen Shutdown?

Das kommt auf die Branche und die Struktur des jeweiligen Unternehmens an. Nun sind wir in der Ernährungswirtschaft in der glücklichen Lage, dass die Nachfrage nach unserem Produkt da ist. In vielen Ländern ziehen unsere Retail-Umsätze an. Ein Teil des Außer-Haus-Konsums wird sich Nachhause verlagern. Schwerer haben es Hersteller, die ihr Geschäft nur in der Gastronomie machen.

Ihre Sorge ist also nicht allzu groß?

Die Coronakrise wird auch uns Umsatz kosten. Aber wir sind als Familienunternehmen sehr solide aufgestellt, haben eine gesunde Eigenkapitalquote von fast 60 Prozent und ausreichend Liquidität, um diese Zeit zu überstehen. Außerdem machen unsere Mitarbeiter unter erschwerten Bedingungen einen super Job. Das ist nicht selbstverständlich, angesichts der Ängste und Sorgen, die die Menschen derzeit haben.

Das heißt, Sie müssen vorerst keines der staatlichen Hilfsprogramme in Anspruch nehmen?

Aktuell nicht. Perspektivisch könnten Kurzarbeit und ähnliche Regelungen für unsere über hundert Außendienstmitarbeiter verteilt in ganz Europa ein Thema werden. Noch behelfen wir uns mit Urlaubsregelungen oder setzen Mitarbeiter, die in ihrem Bereich weniger gebraucht werden, woanders ein. So haben wir in der Produktion punktuell auch Ausfälle aufgrund der Kinderbetreuung.

1800 Mitarbeiter über Europa verteilt – und noch kein Corona-Fall?

Zum Glück noch nicht. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. In der Produktion haben wir früh ein Rotationsprinzip eingeführt. In Deutschland gibt uns die Einstufung als systemrelevant nun Sicherheit. Produktion und Logistik laufen und auch perspektivisch sehe ich keine Engpässe bei uns. In vielen Ländern konzentrieren wir uns auf gefragte Produkte wie Apfel-, Orangen- und Ananassaft. Unsere Lagerbestände an Konzentraten und Pürees sind hoch und unser Netz an Lieferanten breit genug.

Welche Aufgabe steht aktuell an?

Die größte Herausforderung ist, das Tagesgeschäft zu bewerkstelligen und gleichzeitig für die Zeit nach der Krise zu planen. Aktuell passiert viel auf Sicht und das muss auch so sein. Der Vorstand tauscht sich mit den elf Landesverantwortlichen alle zwei Tage über Skype aus – so eng waren wir noch nie beieinander. Vieles muss einfach kurzfristig funktionieren, das erwartet auch der Handel von uns.

Was erwarten Sie vom Handel?

Ich wünsche mir, dass das Pragmatische und Kooperative in der Zusammenarbeit lange anhalten wird – vielleicht sogar über die Corona-Krise hinaus. Die Lebensmittel, die gerade unter größter Anstrengung und Engagement im Handel verkauft werden, werden mit genauso viel Einsatz produziert. Dass wir in dieser Zeit ein verlässlicher Lieferant sein können, macht uns stolz.

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