Hersteller sorgen sich um Engpässe Corona verteuert und verknappt Rohstoffe

von Hendrik Varnholt und Maurizio Giuri
Donnerstag, 16. April 2020
Nachschub in Gefahr: Die Corona-Krise wirkt sich auf Anbau und Transport von Reis, Kakao, Kaffee und Tee aus.
Aga7ta, Supersmario, Pannonia/i-stock; Natali Zakharova/Shutterstock
Nachschub in Gefahr: Die Corona-Krise wirkt sich auf Anbau und Transport von Reis, Kakao, Kaffee und Tee aus.
Hersteller sorgen sich um Engpässe
Corona verteuert und verknappt Rohstoffe
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Die Corona-Krise behindert in wichtigen Anbauländern Ernten und Transporte. Kaffeeröster warnen deshalb vor mangelnder Versorgung. Teehändler stellen sich auf schlechtere Qualität ein. Reis ist so teuer wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Die Kakaobehörde Cocobod gilt manchem als mächtigste Organisation Ghanas: Sie legt den Preis jeder Kakaobohne in dem weltweit zweitwichtigsten Kakao-Anbauland fest. Cocobod bestimmt damit über das Wohl von mehr als 700000 Bauern und indirekt über die Gewinne von Schokoladenverarbeitern in Europa, Amerika und anderswo. In Corona-Zeiten aber wirkt die mächtige Behörde weitgehend hilflos: Sie verteilt 1,2 Mio. Stück gespendete Seife – und empfiehlt den Kakaobauern, sich fit zu halten und ausreichend zu essen.

Auch in anderen Anbauländern wichtiger Agrarrohstoffe bleibt den Verantwortlichen kaum mehr, als zu hoffen, Corona möge eine Krankheit der Industrieländer bleiben. Die Infektionszahlen aber deuten auf eine andere Entwicklung hin: Ghana hat laut den Daten der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität schon mehr als 630 Krankheitsfälle gemeldet. Auch in Ländern wie der Elfenbeinküste, Indien und Kolumbien verbreitet sich das Virus. Das hat längst Einfluss auf die Warenströme: Einige Reis- und Teesorten sind schon knapp. Um Kaffee und Kakao wächst die Sorge.

  • Kaffee

    Verarbeiter von Kaffee bunkern deshalb Bohnen – und warnen vor Knappheit: Es sei "wohl davon auszugehen, dass die zuverlässige Versorgung mit Kaffee, so wie wir diese bislang gewohnt sind, absehbar nicht gewährleistet sein wird", antwortet Melitta auf eine Anfrage der LZ. Die Kaffeepreise hätten schon "stark angezogen". Wie es in den Anbauländern weitergehe, sei unklar – "ob Erntearbeiter verfügbar sein werden, wie diese die Kaffeeplantagen erreichen und wie der Transport des Kaffees innerhalb dieser Länder sichergestellt werden kann".

    Auch die Internationale Kaffeeorganisation ICO, in der sich wichtige Export- und Importländer zusammengeschlossen haben, berichtet von Sorgen um die kurzfristige Verfügbarkeit von Arabica-Kaffee. Die Preise entsprechender Sorten stiegen jüngst erheblich. Schon im Februar waren laut ICO die Exporte aus Kolumbien um rund 13 Prozent zurückgegangen. Die Organisation führt dies etwa auf einen Mangel an Seecontainern zurück. Die ICO sagt auch Schwierigkeiten in Brasilien voraus. Den dortigen Kaffeeanbauern falle es wegen der Corona-Auswirkungen schwer, Arbeiter einzustellen. Auch der Röster Dallmayr äußert sich besorgt: Bislang funktioniere die Lieferkette "im Großen und Ganzen2", berichtet der Geschäftsleiter der Dallmayr-Kaffeesparte, Johannes Dengler. Das Unternehmen sei aber "durchaus in Sorge, dass dies in den kommenden Monaten in den kaffeeerzeugenden Ländern nicht überall so bleiben wird".

  • Reis

    Reis ist an den Warenmärkten derzeit so teuer wie seit rund sieben Jahren nicht mehr. Hintergrund sind drastische Exportbeschränkungen in wichtigen Anbauländern wie Kambodscha, Vietnam und Myanmar – bei gleichzeitigen Hamsterkäufen anderswo. Anfang April weigerten sich zudem indische Händler, neue Exportverträge zu schließen. Strenge Ausgangsbeschränkungen haben das Leben in Indien zeitweise zum Erliegen gebracht. Das stoppte fast alle Reistransporte innerhalb des Landes. Die Auswirkungen spüren längst auch deutsche Reishändler, etwa die Goodmills-Tochter Müller’s Mühle. Dessen Geschäftsführer Uwe Walter berichtet von Verzögerungen "in der gesamten Lieferkette". Dabei werde es einstweilen bleiben, warnt er. Zudem sei weiter mit steigenden Preisen zu rechnen.

  • Tee

    Auch das Geschäft mit Tee ist schon jetzt beeinträchtigt: Die Ausgangssperren in Indien haben in den vergangenen Wochen die Ernte etwa in der Region Darjeeling praktisch unmöglich gemacht. Damit ist ein Teil des besonders hochwertigen First Flush – also der als Champagner des Tees bezeichneten ersten Ernte – verloren. Indien hat die Teeernte zu Beginn dieser Woche zwar wieder erlaubt, doch den Anbauern starke Einschränkungen auferlegt. Deutsche Teeanbieter bereiten ihre Abnehmer deshalb nun auf Mangelsituationen und Qualitätseinbußen vor.

  • Kakao

    Der Preis für Kakao fällt derzeit. Analysten führen dies vor allem auf die krisenbedingte Risikoaversion von Händlern und Spekulanten zurück. Fairtrade warnt vor dem Hintergrund: "Sollte der Weltmarktpreis für Kakao weiter sinken, drohen Kakaobauern größere finanzielle Schwierigkeiten."

    Die Versorgung mit Kakao scheint kurzfristig gesichert: Die Lieferanten verfügten über große Vorräte in Lagern und auf Schiffen, sagt Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker. Wie sich die Situation im nächsten Jahr entwickele, hänge aber von der Situation in den Kakao-Herkunftsländern ab. "Es gibt Grund für Befürchtungen", sagt Bühlbecker, der auch Honorarkonsul des wichtigsten Kakao-Anbaulands Elfenbeinküste ist. Afrika entwickele sich zum Hauptleidtragenden der Conora-Krise – "auch weil westliche Länder angesichts ihrer eigenen Schwierigkeiten ihre Hilfen für den Kontinent reduzieren". "Sollte die Pandemie anhalten, könnte sie die Ernte im kommenden Herbst gefährden", warnt denn auch Fairtrade. "Zugänge zu grundlegender Gesundheitsversorgung" fehlten in vielen Kakao-Anbauregionen. Das mache die Pandemie dort besonders gefährlich.
  • Coronavirus (Symbolbild)
    imago images / ZUMA Press

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