Industrie in der Corona-Krise Das Geschäft läuft, doch das Risiko nimmt zu

von Hendrik Varnholt und Hans Bielefeld
Donnerstag, 26. März 2020
Hamsterkäufe sorgen einstweilen für steigende Umsätze in der Industrie.
Christian Lattmann
Hamsterkäufe sorgen einstweilen für steigende Umsätze in der Industrie.
Industrie in der Corona-Krise
Das Geschäft läuft, doch das Risiko nimmt zu
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Viele Hersteller von Lebensmitteln und Hygieneprodukten machen in der Corona-Krise bislang gute Geschäfte. Doch die Lage ist unsicher: Das Virus kann jederzeit Produktionsstätten lahmlegen und Lieferketten unterbrechen. Wichtige Industriemanager geben deshalb einen zurückhaltenden Ausblick.

Es ist eine neue Welt. Lebensmittelhersteller und -händler streiten nicht mehr. Preise spielen kaum noch eine Rolle. Zugleich herrscht außerhalb der Branche Existenzangst und drohen selbst kurze Lieferketten zu reißen.

Die Verantwortlichen der deutschen Lebensmittelindustrie haben sich in wenigen Tagen an eine Lage angepasst, auf die sie kein Krisentraining je vorbereitet hat. Sie bedienen trotz beispielloser Nachfrage fast jede Bestellung. Doch es muss es nicht dabei bleiben: Die Risiken sind groß, wie mehrere Manager der LZ berichten.

Unilever-Deutschlandchef Peter Dekkers hat das Glück, nicht der erste im Konzern zu sein, den Corona aus dem Branchenalltag reißt: Unilever hat Wochen vor Beginn der Corona-Panik in Deutschland eine ähnliche Entwicklung in China erlebt. Dort habe sich beobachten lassen, "dass sich das Konsumentenverhalten in dieser Krise in mehrere Phasen aufteilen lässt", sagt Dekkers.

Zuerst kauften die Konsumenten Hygieneartikel, dann hamsterten sie. "Nun ist die Zeit des Hamsterns in Deutschland größtenteils vorbei", sagt Dekkers. Es habe eine Phase begonnen, in der die Menschen verstärkt auch zu höherpreisigen Artikeln griffen – "schließlich fallen alle Restaurantbesuche weg".

Die Rohstoffversorgung ist kaum planbar

Wenngleich es niemand ausspricht, ist klar, dass die Lebensmittelindustrie einstweilen Krisengewinner ist. Unilever zum Beispiel profitiert an vielen Enden: Auf den Seifen-Boom folgte die Renaissance von Knorr. Dekkers rechnet nun mit steigender Nachfrage nach Eiscreme.

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Doch wie die Bilanz am Ende dieses Krisenjahres aussehen wird, hängt derzeit mindestens so sehr von Glück oder Pech wie von gutem Management ab: Die Rohstoffversorgung zum Beispiel ist kaum planbar. Bislang gebe es "keine Einschränkungen im Rohstoffeinkauf", sagt Dekkers. Er sei "ehrlich gesagt überrascht, wie gut die Versorgung aus aller Welt funktioniert". Doch: "Die Situation kann sich ändern." Jeder Tag sei derzeit anders.

Damit muss auch der Backwarenhersteller Kuchenmeister umgehen. Derzeit erhalte das Unternehmen die benötigte Rohware, sagt Oliver Lahode, der Mitglied der Geschäftsleitung bei Kuchenmeister ist. Weil die Beschaffung global sei und die Pandemie längst weltweit wüte, lasse sich aber nur von Tag zu Tag blicken. "Morgen kann es schon ganz anders aussehen", warnt Lahode. Das wäre ein Problem, zumal auch Kuchenmeister einen Boom erlebt: Die erhöhte Nachfrage halte an, sagt Lahode. Das Ostergeschäft komme hinzu.

Sorge vor Corona-Welle in der Produktion

Stephan Hackenberg, der das deutsche Geschäft der Rabobank mit Agrar- und Lebensmittelunternehmen leitet, zählt drei wesentliche Risiken auf, denen die Food-Industrie derzeit ausgesetzt ist: Außer dem Lieferkettenrisiko sieht er ein besonderes Risiko für Unternehmen, die vom wegbrechenden Außer-Haus-Geschäft abhängig sind – und das Produktionsausfallrisiko. Letzteres liegt auf der Hand: Wenn die Belegschaft unter Quarantäne steht, hilft keine noch so große Nachfrage.

Auch in dieser Hinsicht ist die deutsche Konsumgüterindustrie bislang weitgehend ohne ein ernstes Problem: "Momentan haben wir keinen Mangel an Mitarbeitern", sagt Xenia Barth, die das Reinigergeschäft von Reckitt Benckiser in den deutschsprachigen Ländern leitet.

Die Beschäftigten arbeiteten "mit einer unglaublichen Leidenschaft", sagt Unilever-Manager Dekkers. Strenge Regeln zur Infektionsvorbeugung führten allerdings zuweilen zu Verzögerungen. Es gehöre bei Unilever nun etwa zum Standard, dass die Mitarbeiter ihre Körpertemperatur messen ließen.

Die Sorge vor einer größeren Corona-Welle in einer Produktionsstätte ist in der Branche allgegenwärtig. Kuchenmeister-Manager Lahode sagt denn auch, wegen des Risikos verzichte der Hersteller derzeit darauf, neue Mitarbeiter zu rekrutieren – obwohl die Bänder derzeit in drei Schichten liefen und auch am Wochenende nicht stillstünden.

Lieferfähigkeit steht über allem

Im Fokus der Öffentlichkeit – und deshalb im Moment im Mittelpunkt des Interesses vieler Händler – steht: Toilettenpapier. Der Tissue-Hersteller Essity hat sich denn auch längst im Detail mit den Gesetzmäßigkeiten der Corona-Krise beschäftigt: Andreas Pier, Vertriebsdirektor für Zentraleuropa bei dem Unternehmen, teilt die Krise ähnlich wie Dekkers von Unilever in Phasen ein.

Die Zeitspanne der Hamsterkäufe dauere "je nach Land ein bis zwei oder auch drei bis vier Wochen", sagt er. Essity habe deshalb das Sortiment ausgedünnt. Das spare Umrüstzeiten. Gleichwohl stiegen die Kosten – vor allem für den Transport. Im Moment stehe die Lieferfähigkeit über allem.

Auch die Händler blicken derzeit weit weniger auf das Geld als üblich, wie Industrievertreter berichten. Für Preiserhöhungen angesichts steigender Rohstoffkosten gebe es so großes Verständnis wie selten zuvor, sagen Unternehmensverantwortliche. Von Strafzahlungen wegen Lieferschwierigkeiten sei derzeit keine Rede. Das falle den Händlern leicht, berichten Industriemanager gelegentlich im Flüsterton – schließlich interessierten sich auch die Konsumenten derzeit kaum für die Preise.

Dennoch loben Sie die Zusammenarbeit: "Jeder in der Branche versteht, wie außergewöhnlich die aktuelle Situation ist", sagt Unilever-Deutschlandchef Dekkers. Die Zusammenarbeit zwischen Händlern und Herstellern sei "so gut wie selten zuvor". Selbst, dass sich auch die Händler untereinander – etwa in Anzeigen – einträchtig zeigen, löst bei den Herstellern in dieser Zeit keinen Argwohn aus. "In der jetzigen Situation sollten wir alle zusammenstehen", sagt Lahode von Kuchenmeister. Es sei "schlichtweg nicht die Zeit, über kartellrechtliche Belange zu sprechen".

Das Wissen um die eigene Verantwortung schweißt die Branche in der Corona-Krise offenkundig zusammen. Die Bedeutung der Branche dürfte Lebensmittelunternehmen auch vor den schlimmsten Krisenauswirkungen bewahren: "Die Lebensmittelindustrie könnte in der Corona-Krise mit einem blauen Auge davonkommen – auch weil die Politik und die Verbraucher sie als unverzichtbar einstufen", sagt Hackenberg von der Rabobank.

Volatile Rohstoffpreise

Für zusätzliche Unsicherheit sorgt bei vielen Konsumgüterherstellern die Volatilität der Rohstoffpreise – auch wenn diese oft nicht unmittelbar Einfluss auf Unternehmensergebnisse haben. Die Notierungen vieler Rohstoffe haben sich seit Beginn der Corona-Krise so schnell verändert wie selten zuvor. Dazu trägt auch die Auseinandersetzung zwischen Russland und den Opec-Staaten bei, die den Ölpreis einbrechen ließ. Etwa Zucker verlor am Spotmarkt deutlich an Wert – weil es sich bei niedrigen Ölpreisen kaum lohnt, aus Rohrzucker Biokraftstoff herzustellen. Andere Rohwaren – etwa Reis aus Asien – drohen in der Krise knapp zu werden.

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