McKinsey-Berater im Interview "Der größte Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg"

von Hendrik Varnholt
Donnerstag, 02. April 2020
Frank Sänger (l.) und René Schmutzler beraten bei McKinsey Konsumgüterunternehmen.
McKinsey
Frank Sänger (l.) und René Schmutzler beraten bei McKinsey Konsumgüterunternehmen.
McKinsey-Berater im Interview
"Der größte Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg"
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Die McKinsey-Konsumgüterexperten Frank Sänger und René Schmutzler rechnen mit einem drastischen Wirtschaftseinbruch. Sie raten Konsumgüterherstellern, in Sachen Online-Shopping mit Händlern zu kooperieren. Die Berater erklären im LZ-Interview zudem, warum die Corona-Krise mittelfristig Unternehmensübernahmen fördern dürfte.

Herr Sänger, Herr Schmutzler, mit welchen Fragen kommen Unternehmer im Moment auf Sie zu?

Sänger: Es gibt praktisch kein anderes Thema als Corona. Denn auch wenn die Krise vor allem eine humanitäre ist, wirft sie existenzielle Fragen für Unternehmensverantwortliche auf: Wie schaffe ich es, innerhalb von Stunden oder Tagen Strukturen aufzubauen, die üblicherweise in Wochen oder Monaten entstehen? Wie gehe ich mit enormer Unsicherheit um? Wie passe ich das Liquiditätsmanagement an, um nicht in kürzester Zeit an den Rand des Ruins zu geraten?

Wie lange reicht das Geld in den besonders betroffenen Unternehmen?

Schmutzler: Die Liquiditätslage ist bei vielen Unternehmen eng. Wie lange die Finanzmittel reichen werden, ist auch eine Frage der staatlichen Unterstützung – und zwar nicht nur während der Phase des Lockdowns. Wir müssen im Blick behalten, dass es für viele Unternehmen auch eine Phase danach zu überbrücken gilt.

Sänger: Die Lage in den Unternehmen ist höchst unterschiedlich. In der Konsumgüterindustrie stehen vor allem Non-Food-Hersteller, Brauereien und Spirituosenproduzenten vor Schwierigkeiten. Doch auch innerhalb dieser Teilbranchen ist die Situation sehr verschieden: Eine Brauerei, die zu einem diversifizierten Nahrungsmittelkonzern gehört, hat weniger Liquiditätssorgen als kleine Konkurrenten – zumal es großen Unternehmen generell leichter fällt als vergleichsweise kleinen, sich bei Banken Liquidität zu beschaffen.

Reichen die staatlichen Hilfen?

Sänger: Die Schnelligkeit, mit der die Politik derzeit handelt, beeindruckt mich. Es herrscht großer Pragmatismus. Und es ist viel auf den Weg gebracht worden, das die Wirtschaft effektiv stärken kann.

Schmutzler: Doch die Politik muss die sich selbst verstärkenden Effekte einer Rezession weiter im Blick behalten.

Sänger: Es geht um den Schutz des Lebens, aber auch um den Schutz der Lebensqualität.

Ist dies tatsächlich zugleich zu erreichen? Der Versuch, die Ansteckungsrate zu verringern, schließlich schädigt die Wirtschaft.

Sänger: Es gibt keinen anderen Weg, als beides hinzubekommen. Die Entwicklung in China zeigt, dass sich das Virus eindämmen lässt – und die Maßnahmen zur Kontaktvermeidung damit auch wieder reduziert werden können.

Was folgt daraus für die weitere wirtschaftliche Entwicklung?

Sänger: Wir halten derzeit zwei Szenarien für wahrscheinlich: In dem optimistischeren Szenario lässt sich das Virus innerhalb von zwei bis drei Monaten unter Kontrolle bringen. Anschließend kommt es zu einer gedämpften Erholung. In diesem Szenario rechnen wir damit, dass das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone 2020 um 4,4 Prozent schrumpft, es aber schon im vierten Quartal zu einer Rückkehr auf das Vorkrisenniveau kommt. Im zweiten Szenario hingegen lässt sich das Virus zwar zunächst eindämmen. Anschließend flammt die Infektionswelle aber zumindest lokal immer wieder auf. In diesem Szenario schrumpft die Wirtschaft der Eurozone in diesem Jahr um 9,7 Prozent. Zum Vorkrisenniveau findet die Wirtschaft in dem Szenario erst im Jahr 2023 zurück. In beiden Szenarien würde es zum stärksten Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts seit dem Zweiten Weltkrieg kommen.

„Viele Unternehmen werden nun die Robustheit ihrer Lieferketten prüfen. Insofern kommt es zu einer gewissen Veränderung der Globalisierung.“
René Schmutzler, Associate Partner bei McKinsey

Erleben wir damit einen Wendepunkt für die Globalisierung?

Schmutzler: Viele Unternehmen werden nun die Robustheit ihrer Lieferketten prüfen. Insofern kommt es zu einer gewissen Veränderung der Globalisierung. Einen Wendepunkt sehe ich aber nicht.

Wie steht es derzeit um die Lieferketten?

Sänger: Aktuell kann ich in der Lebensmittelbranche keine größeren Engpässe feststellen. Die Lieferbeziehungen sind noch intakt. Es ist aber schwer abzuschätzen, welche Bedeutung etwa der Mangel an Erntehelfern haben wird – ob dieser mehr als nur Randthemen wie Spargel betreffen wird.

Was bedeutet der Wirtschaftseinbruch für den Klimaschutz und die Bemühungen um Nachhaltigkeit?

Schmutzler: Danach werden wir derzeit oft gefragt. Wir glauben aber, dass die Themen ihre Relevanz behalten – wenngleich sich kurzfristige Änderungen ergeben: Beim Thema Verpackung etwa gibt es derzeit gegenläufige Verbraucherwünsche. Es sind deshalb innovative Konzepte gefragt.

Wird die Krise das Einkaufsverhalten dauerhaft verändern?

Schmutzler: Die Entwicklung in China zeigt, dass die Konsumenten auch nach der Phase des Lockdowns häufiger online einkaufen als in der Zeit vor Corona. Hersteller sollten das im Blick behalten.

Leere Einkaufsstraße
imago images / Jochen Tack

Treibt Corona damit die Vertikalisierung voran?

Schmutzler: Kurzfristig lohnt es sich für Hersteller eher, in Sachen Online-Shopping die Kooperation mit dem Handel zu suchen. Sie könnten Hersteller in Online-Auslieferungslagern unterstützen. Zudem sollten sie die Transformation in Richtung online mit dem richtigen Marketing begleiten.

Wird sich der Boom der Startup-Szene fortsetzen?

Schmutzler: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Investoren werden ihr Unternehmensportfolio in nächster Zeit mit Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen genau anschauen. Es wird damit zu einer Veränderung des Investment-Fokus und womöglich zu einer Bereinigung kommen. Startups mit Online-Fokus sind dabei im Vorteil. Es bleibt aber dabei, dass viel Kapital für Venture-Capital-Investments zur Verfügung steht.

Was bedeutet die Krise für Unternehmenszukäufe und -verkäufe?

Sänger: Kurzfristig kommen M&A-Aktivitäten praktisch zum Erliegen. Die Unternehmen haben derzeit schlicht andere Sorgen. Zudem mangelt es oft an der notwendigen Liquidität. Mittelfristig aber dürfte die Krise die M&A-Tätigkeit eher fördern: Unternehmen stellen jetzt fest, dass ihnen Fähigkeiten für die geänderten Rahmenbedingungen fehlen. Zudem werden vielfach die Kaufpreise sinken.

Die Interviewpartner

Frank Sänger ist Senior Partner bei McKinsey. Er leitet bei dem Beratungsunternehmen den Konsumgüter- und Handelssektor in Deutschland und Österreich.

René Schmutzler ist Associate Partner bei McKinsey. Er berät Konsumgüterhersteller.

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