Veränderte Konsumgewohnheiten Rindfleisch steckt in der Corona-Krise

von Dirk Lenders
Mittwoch, 08. April 2020
Der europäische Rindfleischmarkt ist stark angespannt.
Westfleisch
Der europäische Rindfleischmarkt ist stark angespannt.
Veränderte Konsumgewohnheiten
Rindfleisch steckt in der Corona-Krise
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Der europäische Rindfleischmarkt ist stark angespannt. Gerade Edelteile sind schwer zu vermarkten, weil die Gastronomie geschlossen hat und die Konsumenten im LEH eher zu günstigen Schweinefleischartikeln greifen. Verschärft wird die Lage durch Ware aus Südamerika.

Bis vor Kurzem galt Rindfleisch noch als Gewinner im Markt. Während der Schweinefleischabsatz unter der Tierwohldebatte litt und durch den Trend zum Flexitariertum bestenfalls stabil blieb, eher jedoch tendenziell rückläufig war, konnte Rindfleisch zulegen. Hochwertige Stücke waren wieder gefragt und dank Dry Aged-Beef die BSE-Krise nach 20 Jahren vergessen. Nun ist es erneut eine Krise, die dem Rindfleischmarkt zusetzt: die Corona-Pandemie. "Knüppeldick" habe es die Branche getroffen, ist von Viehvermarktern zu hören. "Zähneknirschend" habe man die deutlich niedrigeren Preise der Schlachtunternehmen akzeptieren müssen, um die Tiere überhaupt loszuwerden.

"Die Corona-Krise ruft eine umfassende Veränderung in den Konsumgewohnheiten hervor", erklärt Bernd Stange, COO der Division Beef des niederländisch-deutschen Schlachtunternehmens Vion, die Lage. Der Absatz von Fleisch an Restaurants, Hotels und die Systemgastronomie wie Burgerketten sei nahezu zum Erliegen gekommen, während bei den Lieferungen an Supermärkte der Absatz an preiswerteren Fleischprodukten wie Hackfleisch und Gulasch – nicht jedoch von Edelteilen wie Steakartikel – deutlich zugenommen habe. Der Export von Rindfleisch sei ebenfalls zurückgegangen.

Neues Verhältnis zwischen Ein- und Verkaufspreisen

Die Veränderungen in der gesamten Fleischbranche wirken sich laut Stange erheblich auf die Fleischverwertung aus. Aufgrund der Marktverwerfungen entstehe "ein neues Verhältnis zwischen Ein- und Verkaufspreisen".

Eine Einschätzung, die andere bedeutende Marktteilnehmer auf LZ-Anfrage im Wesentlichen teilen: Der Markt sei stark angespannt. Wegen der Gastronomie-Schließungen seien Edelteile schwer zu vermarkten, und weltweit mangele es an Nachfrage. Im deutschen Handel zeigten sich die Konsumenten vor dem wichtigen Ostergeschäft ebenfalls zurückhaltender, was, so die Fleischunternehmen, auch mit fehlenden Kochkünsten zu tun habe.

Uneins ist sich die Branche bei der Beurteilung, welchen Einfluss Importware aus Südamerika hat, die mangels Absatz in Steakhäusern jetzt auf den LEH-Markt drücken könnte. Einige Marktteilnehmer äußern die Befürchtung, dass das Fleisch zu Schleuderpreisen verkauft werden könnte, um einen Totalausfall zu vermeiden. Andere berichten, die Fleisch-Container im Hamburger Hafen seien zur Lagerhaltung von Kühlung auf Tiefkühlung umgestellt worden.

"Der Import von südamerikanischer Ware ist nach unseren Beobachtungen nicht gestiegen", sagt hingegen Stange. Vion als systemrelevantes Unternehmen konzentriere sich derzeit vor allem auf die Lebensmittelversorgung der Heimatmärkte. Stange: "Im Gegenzug erwarten wir, dass unsere Kunden ebenfalls die heimischen Fleischlieferanten stärken und Importware für sie keine große Relevanz hat."

Einen Lichtblick gibt es inzwischen: Die Preise für Schlachtkühe haben sich gefangen, für Jungbullen konnten sogar etwas höhere Preise erzielt werden. Die Vermarkter rechnen aber damit, dass der Handel in den kommenden Wochen und Monaten schwierig bleiben dürfte. 

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