YBF in Berlin Start-up-Mindset ins Unternehmen tragen

von Matthias Queck und Silke Biester
Mittwoch, 25. September 2019
Der Venture Capitalist Thomas Andrae sieht Chancen und Risiken für die Branche. Technologien treiben den Umbruch der Märkte weiter voran, ist der Chief Strategy Officer bei Hungry Ventures sicher.
Philipp von Bruchhausen
Der Venture Capitalist Thomas Andrae sieht Chancen und Risiken für die Branche. Technologien treiben den Umbruch der Märkte weiter voran, ist der Chief Strategy Officer bei Hungry Ventures sicher.
Die Gründerszene gibt etablierten Händlern und Herstellern zukunftsweisende Impulse. Die Young Business Factory (YBF) lud deshalb zu Networking und Diskussion mit vielversprechenden Food- und Tech-Start-ups ein. Networking-Partner ist die Food-Innovationsplattform Hungry Ventures.



Die schlechte Nachricht zuerst: Der 37. Müsliriegel wird wohl keine Chance haben. Darüber waren sich offenbar Diskutanten und Workshop-Teilnehmer bei der YBF einig, die zum Thema "Mit Start-ups lernen" Einblick in verschiedene Berliner Ideenschmieden eröffnete. Die gute Nachricht: Die Großen aus Handel und Konsumgüterindustrie haben gerade erst begonnen, das volle Kreativpotenzial der Do-it-yourself-Macherinnen und -Macher zu nutzen.

Zwischen 2014 und 2018 hat sich das Start-up-Engagement für Konsumgüter rund verzehnfacht und liegt auf Platz zwei hinter IT-Projekten, wie Hendrik Varnholt, Ressortleiter Industrie der Lebensmittel Zeitung, in seinem einführenden Vortrag darlegte. Das klingt verheißungsvoll, gestaltet sich aber bei B2C-Innovationen gar nicht so einfach. Euphorische Erfinder prallen mit ihren Neuprodukten schnell auf die Wirklichkeit des Handels: Ein hoch konzentrierter Markt von wenigen Filialisten einerseits, und der Selbstständige Einzelhandel mit dezentralen Entscheider-Strukturen andererseits.




Hinzu kommt die konventionelle Denke auf Herstellerseite. Nicht ohne Grund lässt die traditionelle Marke Melitta ihrem Start-up-Ableger 10x Innovation recht freie Hand, berichtete der New Business Development Manager Joshua Wlotzka. "Strategie, Methodik, Mindset und die Tools sind einfach anders", betont auch der Ex-Edekaner und heutige Professor und Investor Bastian Halecker. Er ist Gründungspartner der Food-Innovationsplattform Hungry Ventures, die ihr Netzwerk für die gemeinsame YBF mit der LZ aktiviert hat, um den Führungsnachwuchs der Branche mit Start-ups in Kontakt zu bringen. Für inspirierende Impulse sorgten die Jungunternehmen Kitchenstories, Melitta 10x Innovation, How I like, Foodly, Kitchentown, Kaufda, EMSU, Koawach, Crema de Café, Popkornditorei Knalle, Buah, Targomo, Future of Voice und Proveg durch Unterstützung bei der YBF-Tour, den Workshops und der Verpflegung.

Neue Zeitrechnung

Im Wettbewerb gehe es künftig darum, direkten Zugang zum Kunden aufzubauen, meint Halecker. Tech-Innovation macht es möglich, selbst Datenpunkte zu sammeln. Wichtig sei aber vor allem, die Kompetenz für digitale Lösungen im eigenen Unternehmen zu beherrschen. Und das möglichst schnell: "Ein Jahr in Start-up-Zeiten ist wie eine Dekade im herkömmlichen Leben." Die Geschwindigkeit ist es auch, die so mancher Endverbraucher-Innovation das Genick bricht. "75 Prozent kriegen die nötige Drehzahl im Handel nicht hin", gibt er zu bedenken, die zugestandene Zeit reiche einfach nicht aus, um eine Marke aufzubauen.

Häufigster Grund aber für das Scheitern vieler Ideen, noch vor dem Mangel an nötigem Kapital: Es besteht einfach kein Bedarf im Markt. Der 37. Müsliriegel ist eben eine Lösung ohne Problem. Oder, wie es das Team von Kitchentown launisch ausdrückte, das im Oktober mit dem US-Startup-Konzept an den Start geht: "Der gleiche Mist, jetzt mit Mango-Geschmack!" Ausdrückliche Aufgabe von Kitchentown ist die "Beschleunigung des Entwicklungsprozesses". Knowhow und Regelwerk sind in der Lebensmittelherstellung für Neueinsteiger recht komplex, aber grundsätzlich als Handwerk beherrschbar. Neu kombiniert, soll so ein "Hebel" entstehen, um Innovationen zu beschleunigen. Das passt zur Herangehensweise von Hungry Ventures, das Erfolgspotenzial einer Neuheit bereits weit vor der Markteinführung genau beurteilen zu können – mit digitaler Unterstützung.

Immer schneller geht es auch bei Amazon und Co. Eindrucksvoll schilderte Thomas Andrae, Venture Capitalist und Chief Strategy Officer bei Hungry Ventures, ein Bild der nicht allzu fernen Zukunft, in der Drohnen aus Zeppelin-artigen Zentrallagern innerhalb weniger Minuten alle möglichen Waren zum Verbraucher liefern. Einen Einstieg Amazons in den stationären deutschen Lebensmittelhandel hält er für sehr plausibel.

YBF zu Gast bei Amazon

  • "Amazon beschleunigt auf der letzten Meile – Logistik entscheidet beim Online-Wettbewerb" heißt es bei der nächsten Young Business Factory der LZ am 21./22. Oktober in Frankenthal mit exklusiven Einblicken in die Expansionsstrategie auf der letzten Meile
  • Knüpfen Sie direkte Kontakte und erfahren Sie aus erster Hand, wie das Unternehmen tickt. Weitere Themen: Customer Journey, Packaging und Nachhaltigkeit im Online-Verkauf, künstliche Intelligenz, Blockchain.
  • Lernen Sie den hochmodernen Robotic-Standort von innen kennen. Begrenzte Teilnehmerzahl. Jetzt anmelden: lebensmittelzeitung.net/ybf

Niemand in Lebensmittelhandel und -industrie ist vor Disruption geschützt, das wurde bei der anderthalbtägigen Veranstaltung deutlich. Vor allem deshalb sei es unerlässlich, Kompetenzen zu entwickeln – gerade in dieser traditionell strukturierten Branche. Und zwar möglichst schnell. Fehler müssten allerdings erlaubt sein, wenn es voran gehen soll. Halecker fordert die YBF-Teilnehmer abschließend auf, ihre Arbeitgeber in diese Richtung "homöopathisch zu bearbeiten".

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