Zuckerhut-Preisträger 2021: Prof. Hermann Büh...
Zuckerhut-Preisträger 2021: Prof. Hermann Bühlbecker

Der Botschafter

Jelena Draschoff
Herausragender Unternehmer: Lambertz-Inhaber Prof. Hermann Bühlbecker
Herausragender Unternehmer: Lambertz-Inhaber Prof. Hermann Bühlbecker
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Zuckerhut-Preisträger 2021: Prof. Hermann Bühlbecker
Der Botschafter
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Hermann Bühlbecker führt seit 43 Jahren den Süßwarenhersteller Lambertz. Der 71-Jährige hat den Umsatz des Unternehmens verachtzigfacht. Er ist heute einer der bekanntesten Verantwortlichen der Lebensmittelbranche. Die LZ würdigt ihn als "herausragende Persönlichkeit".

In einem Konferenzraum am Rand der Aachener Innenstadt, gleich neben den Laderampen von Hermann Bühlbeckers Stammwerk, treffen zwei Welten aufeinander: die große weite und die heile kleine. Bühlbecker hat an einer Wand des Zimmers Fotos aufhängen lassen, die ihn neben Bill Clinton zeigen, auch solche mit ihm und Wladimir Putin oder Helmut Kohl. Auf der anderen Seite des Raums stehen Packungen mit Keksen, Lebkuchen, Dominosteinen – den Produkten, die Bühlbecker in Mengen verkauft, weil sie aus Zucker geformte Vertrautheit, Geborgenheit, Gemütlichkeit sind.

Lambertz-Inhaber Bühlbecker beherrscht das perfekt: den Traum von der weiten und die Sehnsucht nach der heilen Welt für sein Unternehmen zu nutzen. Dass er außerhalb pandemischer Zeiten zum Beispiel Sarah Ferguson, Matt Dillon und Pamela Anderson auf Partys holt, bringt den Namen seines Süßwarenherstellers verlässlich in jedes Promi-Blatt, alle Society-Sendungen und manches andere Medium dazu. Dass nur Bühlbecker Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen und Dresdener Stollen zugleich anbietet, macht ihn schwer entbehrlich für das Heimatgefühl in gleich drei deutschen Regionen – und das Weihnachtsfest ungezählter Familien darüber hinaus.

Es ist Bühlbeckers Lebensleistung, dass es so weit gekommen ist.

Ende der 1970er Jahre nämlich schien an dem kleinen Printenhersteller Lambertz kaum noch jemandem etwas gelegen zu sein. Das Unternehmen mit damals 16 Millionen D-Mark Jahresumsatz war nicht weniger, vor allem aber nicht mehr als eine Aachener Printenbäckerei. Während in Deutschland immer mehr Supermärkte eröffneten und die Aldi-Albrechts die Republik zum Niedrigpreisland machten, verkaufte Lambertz noch immer in der damals schon 290-jährigen Unternehmenstradition: Lambertz-Printen waren nur in Fachgeschäften zu finden – dort, wo immer weniger Konsumenten etwas suchten.

Das Unternehmen führte Bühlbeckers Onkel – der schon Gespräche mit potenziellen Käufern der Printenfabrik führte, wie Bühlbecker heute sagt. Bühlbecker selbst, damals Ende 20, hatte mit Teigwaren nichts zu tun: Er spielte Tennis. Die Leidenschaft für den Sport hatte ihn in die oberste deutsche Liga geführt. Er gewann und trainierte den Nachwuchs. "Der Verdienst reichte, um unabhängig zu sein und mir mein Studium zu finanzieren", sagt er.
„Es ist wichtig, eigentlich aussichtslose Situationen nicht als aussichtslos zu sehen“
Lambertz-Inhaber Prof. Hermann Bühlbecker

Trotzdem stieg Bühlbecker bei dem Printenhersteller ein – und erhielt das Versprechen seines Onkels, die Firma mindestens ein Jahr lang nicht zu verkaufen. Bühlbecker sagt heute: "Es muss sich manchmal alles ändern, damit es bleibt, wie es ist." Das Unternehmen hatte damals hohe Schulden. Bühlbecker hatte eine – wenn auch nicht ganz neue – Idee: Er begann, Dominosteine herzustellen, "weil sich diese von Köln bis München verkaufen lassen", wie er sagt.

Der Rest der Erfolgsgeschichte handelt vor allem von Mut: Bühlbecker legte auf die alten Schulden neue, um die Dominostein-Produktion zu vergrößern. Es sei wichtig, "eigentlich aussichtslose Situationen nicht als aussichtslos zu sehen", sagt er. Bühlbecker sagt außerdem: "Man muss es auch mit großen Gegnern aufnehmen."

Im Tennis spielte er gegen 14-Jährige, als er acht war. Als Unternehmer hatte er zum Beispiel Südzucker als Gegner. Der Konzern übernahm im Jahr 1991 den Süßwarenhersteller Kinkartz – zu einem Vielfachen des Preises, den Bühlbecker bieten konnte. Es dauerte acht Jahre, bis Kinkartz doch noch zu Lambertz kam. Südzucker verkaufte das Unternehmen im Paket mit dem Lebkuchenhersteller Haeberlein-Metzger zu einem Preis, "der uns nicht umbrachte", wie Bühlbecker sagt. Es hatte sich offenbar gelohnt, zu warten. Zuvor schon hatte Lambertz den Lebkuchenanbieter Weiss übernommen. Später kaufte das Unternehmen unter anderem den Stollen-Marktführer Dr. Quendt.

Aller Mut ist nichts ohne Glück. Das hatte Bühlbecker irgendwann in den 1980er Jahren, als der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher ihn bat, ein Gastgeschenk zu überreichen: Bühlbecker traf mit einem aus Lebkuchen gebackenen Schloss Windsor in den Händen auf Prinz Charles – und fühlte sich in prominenter Gegenwart offenkundig wohl. "So entstand die Idee vom Unternehmer als Botschafter", sagt er. Die Rolle liegt ihm zweifellos. Berührungsängste sind Bühlbecker fremd – ganz im Gegenteil: Der Unternehmer kommt überall ins Gespräch, zum Beispiel als Stammgast auf den Veranstaltungen der Clinton Global Initiative. Bühlbecker sagt: "Ich wäre gerne Diplomat geworden." Der Konjunktiv ist eigentlich überflüssig: Bühlbecker ist Honorarkonsul der Elfenbeinküste – genauso wie Honorarprofessor der International School of Management in Dortmund.

Bühlbecker knüpft Kontakte in das Showgeschäft, die Politik und die Wissenschaft. "Networking ist wichtig", sagt er. Und so erfand der Unternehmer im Jahr 1999 die Lambertz Monday Night, jene Promi-Partynacht während der Süßwarenmesse ISM in Köln. Auslöser war damals: der Goldene Zuckerhut. Lambertz hatte die Auszeichnung wenige Monate zuvor als herausragendes Unternehmen erhalten. "Mit der Party wollten wir uns dafür bedanken", sagt Bühlbecker. Der vergoldete Zuckerhut steht hinter ihm im Konferenzraum mit Putin auf der einen und Printen auf der anderen Seite.
„Die Rolle des Markenbotschafters wird es nach mir wohl nicht mehr geben“
Lambertz-Inhaber Prof. Hermann Bühlbecker

In diesem Jahr zeichnet die Lebensmittel Zeitung Hermann Bühlbecker als Persönlichkeit mit dem Goldenen Zuckerhut aus. Der Lambertz-Alleininhaber ist nach Überzeugung der Jury herausragend in der Branche. Das belegt Bühlbeckers Leistung als Unternehmer: Lambertz hat nach eigenen Angaben im vergangenen Geschäftsjahr 656 Millionen Euro umgesetzt – 3 Prozent mehr als im Vorjahr und rund 80 Mal so viel wie im Jahr 1978, als Bühlbecker die Führung des Süßwarenherstellers übernahm. Das Unternehmen mit rund 4000 Beschäftigten produziert in fünf Werken in Deutschland und zwei Fabriken in Polen. Lambertz erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr 23 Prozent der Erlöse mit Kunden im Ausland. Für Fachgeschäfte produziert das 333 Jahre alte Unternehmen rechnerisch nur noch einen Tag des Jahres, wie Bühlbecker sagt.

Dem Unternehmer allerdings ist nicht nur an seinem eigenen Betrieb gelegen: Ihm geht es um Veränderung darüber hinaus. Bühlbecker engagiert sich etwa für Afrika und gegen Aids. Er ist zudem so etwas wie ein Gesicht der Branche – etwa als Gast im amerikanischen Original des Einkaufssenders QVC oder als verlässlicher Aussteller auf den wichtigsten Messen: Am Morgen nach seiner Party während der Süßwarenmesse ISM steht er stets um 9 Uhr am eigenen Messestand.

"Ich hatte die Bereitschaft, das Unternehmen zu meinem Leben zu machen", sagt Bühlbecker. Lambertz ist ohne ihn deshalb schwer vorstellbar. Der 71-Jährige selbst sagt: "Die Rolle des Markenbotschafters wird es nach mir wohl nicht mehr geben." Lambertz werde aber auch ohne diese funktionieren – "stattdessen vielleicht mit Fernsehwerbung". Bühlbecker hat die Nachfolge mit einem Beirat vorbereitet, dem außer ihm etwa seine Ehefrau angehört. Für eine Rolle bei Lambertz kommt auch Bühlbeckers 25-jährige Tochter infrage. Sie hat internationales Management studiert und lebt in Paris.

Bühlbeckers Unternehmerkarriere dank Dominosteinen und Diplomatentalent aber dürfte einmalig bleiben.


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