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Interview mit BLL- und BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff

"Unsere Stimme wird gehört"

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Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der beiden Spitzenverbände der Lebensmittelwirtschaft BLL und BVE, erläutert sein Verständnis von Lobbyismus, warnt vor staatlichen Rezeptvorgaben und bringt die Erwartungen der Branche an die nächste Bundesregierung auf den Punkt.

Herr Minhoff, vermissen Sie den Journalismus?

Ich war 30 Jahre lang als Journalist tätig – als Zeitungsredakteur, Leiter des ZDF-Landesstudios München und zuletzt als Programmgeschäftsführer bei Phoenix. Es war damals Zeit für einen Rollenwechsel. Wenn ich mir den heutigen Journalismus anschaue, vermisse ich nicht viel. Journalisten begreifen sich oft nur noch als Gefühlsstimulanten und Emotionsingenieure. Ergebnisoffene Recherche und den journalistischen Willen, etwas Grundlegendes herauszufinden, beobachte ich leider nur noch selten.

Seit fünf Jahren sind Sie "Cheflobbyist der Lebensmittelbranche". Wie hat sich die Verbandsarbeit gewandelt seit Sie an der Spitze der Bundesvereinigung der Ernährungswirtschaft (BVE) und des Bunds für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) stehen?

Wichtig ist nicht, was ich erreicht habe, sondern was wir als Branche gemeinsam erreicht haben. Es ist gelungen, ein Verständnis dafür zu wecken, dass klassische Interessenvertretung in einer digitalen Informationsgesellschaft nicht allein mit Hintergrundgesprächen und gedrucktem Papier zu bewerkstelligen ist. Wir müssen eine Übersetzungsfunktion in die Gesellschaft wahrnehmen, um unsere oft komplexen Themen politik- und mehrheitsfähig zu machen. Das ist in vielen Fachverbänden und Unternehmen inzwischen gelebte Praxis. Die Unternehmen haben schon lange verstanden, dass sie für ihre Produkte einstehen müssen. Ich könnte eine Reihe von Beispielen nennen, wo diese Vermittlungsleistung gelungen ist.

Was wäre so ein Beispiel?

Als Bundesernährungsminister Christian Schmidt Anfang 2015 von einer USA-Reise zurückkehrte und im Zusammenhang mit dem TTIP-Abkommen plötzlich erklärte, man könne nicht jeden Käse und jede Wurst namentlich schützen, wenn man die Chancen des globalen Marktes nutzen will, sorgte dies durchaus für Irritationen in Unternehmen, deren Produkte geografisch geschützte Herkunftsangaben tragen. Die Übersetzungsleistung in die Gesellschaft war der einfache Satz "Niemand will Original Nürnberger Rostbratwurst aus Kentucky". Der schaffte es in die BILD-Zeitung und damit hatte jeder die Problematik der Ministeraussage verstanden.

Dennoch steht die Lebensmittelbranche in der Öffentlichkeit immer wieder im Feuer und wird der Täuschung oder Trickserei bezichtigt. "Wie Lobbyisten bestimmen, was wir essen", titelte die Süddeutsche Zeitung jüngst…

Ach wenn es doch so wäre! Aber solche Angstemotionen lassen sich medial gut verkaufen und Ernährung ist nun mal ein besonders emotionales Thema. Wir nutzen das ja auch für unsere aktive, positive Kommunikation. Negative Berichterstattung wird es immer wieder geben. Unsere Aufgabe ist es deshalb, so zu agieren, dass unsere Stimme und unsere Botschaften gehört werden. Ich habe den Eindruck, das geschieht zunehmend.

Sie beschweren sich auch mal beim Presserat, etwa über die Spiegel-Titelgeschichte "So schmeckt die Zukunft" im April dieses Jahres. Macht diese konfrontative Art wirklich Sinn?

Der Presserat hat die Beschwerde natürlich zurückgewiesen. Das war zu erwarten. Dennoch, wenn jemand unfair mit der Branche umgeht – nicht kritisch, sondern unfair – dann gehen wir dagegen vor. Das machen wir konsequent und haben auch das Gefühl, dass das einen Effekt hat. Beim ersten Google-Treffer zu dem Spiegel-Beitrag, der im Übrigen reine Werbung für das Buch des Autors war, erscheint heute unser kritischer Leserbrief. Das zeigt Wirkung.

Der BLL liefert sich auf Twitter auch regelrechte Gefechte mit Foodwatch. Wertet das die Organisation nicht auf?

Solange Foodwatch mit seinen Kampagnen prominent und dankbar in allen Leitmedien aufgegriffen wird, halten wir auf allen Kanälen dagegen. Uns macht das richtig Spaß. Der Ball liegt immer häufiger im Spielfeld der NGO und die muss sich zunehmend verteidigen. Erstaunlich finde ich, dass Foodwatch oft larmoyant reagiert und sich kritikunfähig zeigt.

Was sollen solche Streitereien bringen?

Es geht ja nicht um Streitereien, sondern darum, dass unsere Stimme in der öffentlichen Debatte gehört wird und nicht nur in einem Halbsatz zitiert wird. Ich habe den Eindruck, das findet inzwischen auch statt.

Wo sehen Sie denn konkrete Verbesserungen in der Berichterstattung?

Die Beiträge etwa zum Fipronil-Skandal. Wenn einst beim Pferdefleischskandal ebenso differenziert über Täter und Opfer berichtet worden wäre, hätten wir damals eine andere öffentliche Wahrnehmung gehabt. Das hat sich doch sehr positiv verändert. Dass beispielsweise die Deutsche Welle den vorbildlichen Umgang der deutschen Lebensmittelwirtschaft mit Fipronil lobt, wäre doch vor fünf Jahren kaum denkbar gewesen.

Mit der "Agenda 2020" hat der BLL seine internen Strukturen neu geordnet. Warum war das erforderlich? Der Verband genießt seit 60 Jahren in der Fachwelt ein hohes Renommee.

Der BLL ist in seinem Kerngeschäft genauso erhalten geblieben wie all die Jahre zuvor. Weil das Thema Ernährungspolitik aber in den vergangenen Jahren immer stärker in den Vordergrund gerückt ist, wurden die Fliehkräfte innerhalb der Dachorganisation stärker. Deshalb erschien es mir wichtig, mehr Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten in die Organisation zu bringen.

Haben Sie die Ziele erreicht?

Ja, die wichtigsten Weichen sind gestellt. Wir haben eine verlässliche Zeitperiode für das Präsidentenamt und die Direktwahl durch die Mitgliederversammlung. Darüber hinaus wurden die Ausschüsse neu organisiert. Die Debatte um einen möglichen neuen Namen haben wir jedoch erst einmal auf Eis gelegt, bleibt aber Auftrag.

"Die Lebensmittelwirtschaft" wäre wieder frei…

Das stimmt. Aber die Kompetenzen des BLL in Wissenschaft und Recht sollten im Namen ebenfalls zum Ausdruck kommen. Es gibt auf jeden Fall gute Gründe für den Erhalt des Namens BLL und es gibt gute Gründe Neues zu entwickeln.

Der Verein "Die Lebensmittelwirtschaft" war von Handel und Industrie initiiert worden, um eine branchenübergreifende Kommunikationsplattform zu schaffen. Fehlt Ihnen diese Unterstützung, nachdem der Verein Anfang des Jahres abgewickelt wurde?

Ich vermisse die Bereitschaft der Unternehmen, das einmal als notwendig erkannte finanzielle Engagement für Kommunikation der Branche als Ganzes fortzuführen. Das könnte gut im BLL stattfinden. Von uns wird – zu Recht – erwartet, sich als Schild vor die Branche zu stellen, wenn sie attackiert wird, aber dazu sind auch gewisse finanzielle Mittel nötig.

Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) hat – quasi als Hinterlassenschaft der letzten Regierung – eine "Nationale Reduktionsstrategie" vorgelegt, um den Zucker-, Salz- und Fettgehalt in Fertigprodukten zu reduzieren. Das Vorhaben wird vermutlich schon bald wieder aufgegriffen. Wie positioniert sich die Lebensmittelwirtschaft?

Wir raten dazu, Ursachen und Wirkungen anhand von verlässlichen Daten zu analysieren. Die mit viel Verve von den Vorfeldorganisationen der Pharmaindustrie vorgetragene Behauptung, es rolle ein Tsunami von Diabeteserkrankungen auf uns zu, lässt sich so durch die tatsächlichen Zahlen nicht bestätigen. Richtig ist, mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge ins klassische Diabetesalter wird vermutlich auch die Zahl der Diabetiker steigen. Auch die Behauptung, ein einzelner Inhaltsstoff sei verantwortlich für die Entwicklung von Adipositas, ist wissenschaftlich betrachtet abenteuerlich.

Aber es herrscht doch Einigkeit darüber, dass Übergewicht bekämpft werden sollte?

So pauschal kann man das nicht sagen, denn was heißt Übergewicht? Sprechen wir von Adipositas oder von ein paar Kilo zuviel? Wir brauchen doch erst einmal valide Untersuchungen. Welche Milieus sind betroffen? Welche Krankheiten? Und wie kann man den Betroffenen tatsächlich sinnvoll helfen, ohne sie zu bevormunden? Die Lösung "Zuckerreduktion" klingt bestechend einfach. Das macht sie aber noch lange nicht richtig. Genauso gut könnten wir über eine Strafsteuer auf Videospiele oder Rolltreppen oder Vergünstigungen beim Fahrradkauf nachdenken.

Sollte die Branche der Politik nicht entgegenkommen – wie es die Schweizer Lebensmittelbranche mit einer Selbstverpflichtung zur Zuckerreduktion tut?

Wir bieten der Politik einen Dialog zum Thema an. Das ist eine Aufgabe, die mit Sicherheit in der neuen Legislaturperiode anzupacken ist. Aber wir möchten auf der Basis gesicherter Fakten diskutieren und nicht auf der Grundlage von WHO-Empfehlungen, die auf japanischen Kariesstudien aus den 50er Jahren basieren.

Die Rewe-Gruppe und Lidl sind doch schon weiter und geben Reduktionsprogramme für ihre Eigenmarken vor...

Richtig, und auch einige andere Hersteller passen den Gehalt von Zucker, Salz und Fett an. Es macht aber einen großen Unterschied, ob der Staat ein Kochbuch schreibt oder solche Produkte auf freiwilliger Basis angeboten werden. Wenn die Kunden das wollen, wird es ein Erfolg. Denn was der Kunde will, steht im Regal des Handels, so viel ist sicher.

Der Lebensmittelbranche droht ein staatliches Rezeptdiktat. Wenn die Autoindustrie ihre Kunden jahrelang betrügt, lädt die Bundesregierung zum Dieselgipfel. Was läuft da falsch?

Bei uns ist das vielleicht weniger spektakulär, aber dennoch existent. Auch wir waren zum Gipfel im Kanzleramt – übrigens in konstruktiv sachlicher Weise. Da finden wir Gehör. Was die Kommunikation anbelangt, kann ich nur für unsere Branche sprechen: Wir zeigen Haltung und beziehen Position, indem wir klar sagen: "Wir haben nicht die Absicht, den Speck in der Salami durch Oleogel zu ersetzen." Auch nicht, wenn es die Politik für eine gute Idee hält. Manchmal muss man am Anfang eine Fehlentwicklung als Fehler benennen und nicht nach Jahren des Schweigens.

Was wünschen Sie sich von der nächsten Bundesregierung?

Wenn Sie schon wissen, wie die aussieht – ich weiß es nicht. Wir freuen uns über mehr Liberalität in der Debatte und der Regierung, wenn es dazu kommt. Und wir hoffen, dass die Politik unsere Branche nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes begreift, sondern unter dem Aspekt des Verbraucherwillens. Dass wir die einzige gesicherte Zukunftsbranche in diesem Land sind, das hat die Politik offenbar noch nicht voll erkannt. Wirtschaftskraft und Potenzial dieser Branche werden unterschätzt. Wenn Sie sich etwa die deutsche Start-Up-Szene anschauen, da entsteht doch selten ein zweites Google. Das sind doch Gründer, die sich mit dem veganen Trend oder Insekten als alternativer Proteinquelle beschäftigen oder auch mit hippen Foodtrucks vorfahren. Einige der Vorzeige-Start-Ups stammen aus unserer Branche.

Und wie wollen Sie der Politik erklären, dass die Lebensmittelindustrie eine Zukunftsbranche ist?

Das kommt langsam in die Köpfe, da bin ich hoffnungsfroh. Wenn das Elektroauto mal die letzten Zulieferer weggefegt hat, die Teile für Verbrennungsmotoren produzieren, dann werden die Leute immer noch essen. Die Bedeutung der Lebensmittelbranche wird durch ihre Kraft steigen.



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