Leichte Entspannung in Lagern und Lastern Logistiker melden nachlassenden Stress

von Iris Tietze und Jörg Rode
Donnerstag, 26. März 2020
Hamsterer haben zugeschlagen: Regallücken bei Brot in einem Lidl-Markt in Offenbach am Main vor einigen Tagen.
Jörg Rode
Hamsterer haben zugeschlagen: Regallücken bei Brot in einem Lidl-Markt in Offenbach am Main vor einigen Tagen.
Leichte Entspannung in Lagern und Lastern
Logistiker melden nachlassenden Stress
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Nach über zwei Wochen der Improvisation und des Einsatzes aller Ressourcen melden die Logistik-Verantwortlichen von LEH und Drogerien eine leichte Entspannung. Hamsterkäufe hatten teilweise dreifache Liefermengen an die Filialen erfordert – trotzdem kam es kurz nach dem Verräumen zu Regallücken.

"Leichte Entspannung" – mit diesen Worten kommentierten die für die Logistik verantwortlichen Manager mehrerer großer Filialisten kurz vor Redaktionsschluss der LZ die aktuelle Lage in den Lieferketten von den FMCG-Herstellern bis zu den Märkten. "Die Filialen werden nicht mehr gestürmt", sagt ein Logistik-Geschäftsführer, der anonym bleiben will, gegenüber der LZ.

Zwar sind Toilettenpapier, andere Hygienepapiere sowie einige Grundnahrungsmittel des Trockensortiments weiter schnell vergriffen, sobald Mitarbeiter die tägliche Lieferung eingeräumt haben. Doch die von Hamsterern gekauften Mengen gehen sukzessive zurück. "Die Leute haben die Speisekammer langsam voll", kommentiert ein Logistik-Chef. "Die Out-of-Stock-Quoten werden jetzt Schritt für Schritt runtergehen – bis auf unser sehr niedriges Normalmaß", meint ein anderer.

In der harten Hamsterzeit verdreifachte ein Händler die Zahl der an die Filialen gelieferten Toilettenpapier-Packungen von normal 140.000 pro Tag auf zwischen 350.000 und 400.000. Trotzdem kam es zu Lücken. Laut Statistischem Bundesamt kauften die Verbraucher vergangene Woche mehr als vier mal so viel Seife und mehr als drei mal so viel Toilettenpapier wie normal. Wahnsinnige Mengen mussten auch bei Nudeln, Mehl, Zucker, Reis, H-Milch und passierten Tomaten bewältigt werden.

Kein Wunder, dass die Handels-Manager Leistungsfähigkeit und Flexibilität von Lieferketten und Mitarbeitern in höchsten Tönen loben. "Die Supply Chains in Deutschland sind bärenstark", sagt einer. "Anfänglich hat es geknirscht – jetzt läuft alles in geordneten Bahnen", lobt ein anderer die Lieferqualität der Hersteller. Probleme mit Produktionsmengen gebe es nur bei Desinfektionsmitteln und ein paar Nischenprodukten.

Jetzt Risiko Peitscheneffekt

Die Logistiker bereiten sich jetzt auf die Kehrseite des Hamsterns vor: Einen möglichen Peitscheneffekt. "Erst Vollgas, dann Vollbremsung", prognostiziert ein Topmanager. Bisher allerdings sei es "eine Beruhigung ohne Absturz", sagt ein anderer. Sowohl das plötzliche Einsetzen der Hamsterkäufe als auch der wohl folgende Absatzeinbruch sind eine Herausforderung für Prognose-Software und Auto-Dispo. Bei etlichen Artikeln waren in den ersten Tagen manuelle Eingriffe nötig. Doch gleichzeitig waren moderne Auto-Dispo-Systeme unverzichtbar, um die Filialbelieferung mit dem Rest-Sortiment im Griff zu behalten, sagen mehrere Logistik-Chefs.

Trotz der positiven Berichte ist nicht zu verleugnen, dass die Logistik vielerorts am Limit läuft. In den Lagern erschweren neue Abstands- und Hygieneregeln die Arbeit und drücken auf die Effizienz, erklärt ein Logistiker. Langsam steige auch der Krankenstand. Darüber hinaus fehlen in der Lebensmittel- und Kontraktlogistik sowie in Verteilzentren zunehmend Mitarbeiter aus Osteuropa, melden der Logistikverband BVL und auch ein erster Händler – wegen Angst vor Corona oder Angst vor Quarantäne. Das betrifft auch Lkw-Fahrer: Der Spediteursverband BGL berichtet, dass tschechische Fahrer und Lagerarbeiter bei Grenzübertritt in die Heimat in Quarantäne müssen und daher oft lieber zuhause bleiben.

Kritik an Umgang mit Fahrern

BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt warnt gegenüber der LZ, dass die Spediteure mit ihren Lkw-Fahrern "gerade im Bereich der Supermarktbelieferungen am Anschlag angelangt" seien. Er ist erschüttert, dass Lkw-Fahrern manchmal sogar das Händewaschen an Be- oder Entladestelle untersagt werde. "Wird hier nicht gegengelenkt, steuern wir schnurstracks auf einen Fahrer-Streik zu", sagt Engelhardt.

Einen in der Presse diskutierten Mangel an osteuropäischen Lkw-Fahrern nehmen die Logistik-Verantwortlichen des LEH allerdings bisher nicht als Problem wahr, denn die Transportvolumen von Auto- und anderen Industrien sind gleichzeitig eingebrochen.

Entspannung hingegen gibt es laut BGL im grenzüberschreitenden Verkehr. Allerdings laufe es nicht überall in Europa so glatt. Daher fordert der BGL eigene Lkw-Spuren an den Übergängen. Deutsche Bahn Cargo profitiert in der Krise nach eigenen Angaben von der zunehmende Nachfrage nach Kombiniertem Verkehr, also Lkw-Trailer-Transport auf Güterzügen, etwa bei Lebensmitteln und Zellstoff für Hygieneprodukte. "Wir fahren aus Italien seit dieser Woche 100 Wagen pro Woche mit Pasta und Tomatenkonserven für den LEH nach Deutschland", so eine Sprecherin. 

Coronavirus (Symbolbild)
imago images / ZUMA Press

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