Logistik in Zeiten von Corona Händler suchen Notfall-Lager

von Iris Tietze
Donnerstag, 02. April 2020
Schneller Takt, mehr Platz: Da sich die Bürger fast ausschließlich über den LEH versorgen, sucht die Branche neue Lagerflächen.
orinoco-art/iStock; sirtravelalot/Shutterstock
Schneller Takt, mehr Platz: Da sich die Bürger fast ausschließlich über den LEH versorgen, sucht die Branche neue Lagerflächen.
Logistik in Zeiten von Corona
Händler suchen Notfall-Lager
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Um die Versorgung Deutschlands in Zeiten der Corona-Krise sicherzustellen, stocken Lebensmittelhändler und -hersteller sowie Kontraktlogistiker ihre Lagerflächen kurzfristig auf.

Die Corona-Krise trifft die Lieferketten mit voller Wucht. Während Nonfood-Händler plötzlich nicht mehr verkaufen dürfen und sich Artikel in Schiffscontainern, Häfen oder Lagern stapeln, läuft die FMCG-Logistik weiter unter Volllast wie nie zuvor.

Kuno Neumeier, Geschäftsführer beim Immobilienmakler Logivest, berichtet von einer "unglaublichen Nachfrage" nach Logistikstandorten. Im Nonfood-Bereich sei es die gestrandete Ware, die nicht mehr verkauft werden kann, in der Fertigungsindustrie müssen Zulieferteile gelagert werden. Vergangene Woche erreichten Logivest innerhalb von drei Tagen Anfragen für 1 Mio. qm Lagerfläche, die Hälfte davon für den LEH. "Sie benötigen dringend zusätzliche Flächen, um den erhöhten Warenbedarf zu decken und die Versorgung sicherzustellen", sagt er der LZ. Den Grund dafür sieht er nicht nur im Hamstern, sondern auch im Wegfall des Außer-Haus-Markts, der durch den LEH aufgefangen wird. Einige Logistik-Manager aus dem LEH erklären diesen Teil der Logivest Aussage allerdings zur PR - vermutlich lanciert, um Kunden in der FMCG-Branche zu werben. Zumindest in den Verteilzentren ihres jeweiligen Unternehmens reichten Platz und Versand-Kapazitäten aus, um die Mengen nach der Hamster-Chaos-Periode zu bewältigen.

Die Corona-Krise, aber auch die nahende Osterwoche sind ein Argument für Food-Händler, sich mit Zusatzflächen einzudecken, bestätigt ein Handelsmanager der LZ. Auch in der Industrie bauten einige Unternehmen auf ergänzende Miet-Lager, seitdem die Nachfrage unberechenbar und Auswirkungen von Covid-19 auf die eigene Belegschaft schwer kalkulierbar geworden sind. Einen Engpass an Flächen sieht die Frachten- und Lagerraumbörse Timocom nicht. Allerdings seien große Anbieter von Lagerflächen auf die von Lebensmittelhändlern angefragten verhältnismäßig kleinen Mengen und kurzen Laufzeiten kaum eingestellt.

Dienstleister schichten Kapazitäten um

Logistiker, die in verschiedenen Branchen tätig sind, schichten innerhalb ihres Portfolios die Flächen um: Die Pfenning-Gruppe lagert Nonfood-Artikel zu einem anderen Logistiker aus und macht dadurch an den Multifunktionsstandorten in Heddesheim und in Monsheim Platz "für die dringenden Lebensmittellieferungen an Supermärkte". Das Unternehmen beliefert fast alle deutschen Filialisten. Auch die Fiege-Gruppe, belastet durch ihre enge Logistik-Partnerschaft mit dem in das Schutzschirmverfahren geflüchteten Handelskonzern Galeria Karstadt Kaufhof, rollt gerade ein Notfall-Lager-Konzept für "medizinische Versorgungsgüter, Lebensmittel sowie wichtige Produktionsmittel" an 13 Standorten aus und will so neue Kunden generieren.

Auch mehrere Wochen nach Beginn der Krise ist die Situation eine "Herausforderung", sagen Unternehmen, die die Belieferung von Verteilzentren und Filialen sicherstellen. Die Volumina lägen weiterhin höher als etwa an Weihnachten, berichtet Meyer Logistik. "Das wird sich auch in den nächsten Wochen nicht ändern", so das Unternehmen, das zahlreiche Rewe-Filialen versorgt.

Zwar haben die Lockerungen in Sachen Lenk- und Ruhezeiten von Lkw-Fahrern etwas Abhilfe geschaffen. Aber: "Eine große Herausforderungen ist, die Gesamtheit der Prozesse wie Produktion, Inbound, Kommissionierung, Auslieferung effizient zu gestalten", erklärt der Logistiker diplomatisch. In Hintergrundgesprächen gestehen selbst Handelsmanger: "Das Zeitfenstermanagement in den Zentrallagern funktioniert trotz aller gesteigerten Kapazitäten seit Wochen nicht mehr gut." Auch die Industrie habe weiter Probleme, an ihren Rampen Absprachen einzuhalten.

"Massive Schwankungen des Volumens"

Frischelogistiker Nagel, der die Handelslager beliefert, beklagt vor allem die "massiven, täglichen Schwankungen des Volumens". An einem Tag verdoppele sich das Volumen an einzelnen Lager-Standorten, an anderen halbiere es sich. "Das macht die effiziente langfristige Planung von Touren und Mitarbeitern nahezu unmöglich." Zudem sei die Verschiebung innerhalb von Segmenten ein Problem: Im Bereich Hotel und Gastro werden Kapazitäten frei, die Belieferung der Handelslager hat angezogen. Doch die Prozesse laufen in diesen beiden Geschäftsbereichen völlig unterschiedlich.

Neue Hygienevorschriften in Zentrallagern und den Werken der Industrie führen indes zu Verärgerung unter Lkw-Fahrern, berichtet der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Vergangene Woche erkundigten sich rund 200 Fahrer beim Verband nach ihrem Streik-Recht. Nach langen Touren und Wartezeiten dürfen sie angesichts der Corona-Krise mancherorts weder Toiletten noch Duschen benutzen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sicherte den "Helden des Alltags" daher kürzlich zu, gemeinsam mit dem BGL Wasch- und WC-Container dort aufzustellen, wo sie besonders benötigt werden.

Coronavirus (Symbolbild)
imago images / ZUMA Press

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Anzeige

Meistgelesen

stats