Software in der Krise unverzichtbar Auto-Dispo meistert Hamster-Chaos

von Jörg Rode
Freitag, 17. April 2020
Herausforderung: Selbst Künstliche Intelligenz kann völlig neue Phänomene wie massenhafte Hamster-Käufe nicht vorhersagen.
Stephan Rumpf/picture alliance / SZ Photo
Herausforderung: Selbst Künstliche Intelligenz kann völlig neue Phänomene wie massenhafte Hamster-Käufe nicht vorhersagen.
Software in der Krise unverzichtbar
Auto-Dispo meistert Hamster-Chaos
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Software für Automatische Disposition hat sich im LEH in der Corona-Krise als unverzichtbar erwiesen – obwohl die Systeme keine historischen Vergleichsdaten hatten. In den ersten Tagen der Panik-Käufe mussten Food- und Drogeriefilialisten bei rund 5 Prozent der Artikel manuell eingreifen. Den Rest und auch die Verteilung von nur eingeschränkt lieferbarer Ware steuerte weitgehend die Auto-Dispo.

Die IT-Programme für Absatzprognose und Auto-Dispo laufen im LEH bereits in einer neuen, Corona-angepassten Normalität. Der Ausfall der Verpflegung durch Kantinen und Kneipen hat den Absatz von vielen Nahrungsmitteln im LEH um bis zu 20 Prozent erhöht. Auch der Verkauf von Toilettenpapier und Flüssigseife liegt weiter deutlich über dem in normalen Zeiten. Märkte in Einkaufszentren und an Verkehrsknotenpunkten wie Bahnhöfen melden Umsatzeinbrüche. Die Lkw der Filial-Belieferung werden wieder mit einem relativ normalen Produktmix beladen, auch Langsamdreher haben eine Chance mitzufahren.

Zwar beäugen Disponenten und Software die POS-Daten misstrauisch, doch dramatische Absatzeinbrüche sind bei den Hamster-Warengruppen bisher nicht zu beobachten. Der gefürchtete Peitschen-Effekt mit plötzlich überquellenden Filial-Lagerräumen scheint zumindest derzeit auszubleiben. So lassen sich die Erfahrungen von für Logistik und IT verantwortlichen Managern in den drei deutschsprachigen Ländern zusammenfassen, mit denen die LZ gesprochen hat. Eine um einige Ausnahme-Regeln ergänzte Auto-Dispo bewältigt die Nachfrage der Verbraucher und die Belieferung der Märkte fast so zuverlässig wie in Vor-Corona-Zeiten.

Völlig neue Situation in den ersten Tagen

Das war in den ersten Tagen des Hamsterns in den jeweils betroffenen Sortimenten anders. "Wir brauchten zwei Tage Zeit, um der Auto-Dispo in den kritischen Warengruppen die neuen Regeln beizubringen", sagt Michael Rybak, Geschäftsführer für Vertrieb, Logistik und IT bei Rossmann. Doch das habe erstaunlich wenig Artikel betroffen – deutlich unter 5 Prozent der SKUs. "Mit Corona auf dem Fahrersitz funktioniert kein Autopilot mehr", beschreibt dm-Logistik-Chef Christian Bodi die Lage in diesen Hamster-Warengruppen. Doch auch dm-Drogeriemarkt habe nur bei rund 5 Prozent der Produkte die normalen Parameter der Auto-Dispo überschreiben müssen.

"Im ersten Augenblick passte die Prognose nicht", lautet die Erfahrung des IT-Chefs einer Edeka-Region. Auch er schätzt den Anteil der selbst in der schlimmsten Zeit relativ unproblematischen Artikel auf rund 95 Prozent aller SKUs. Bei den etwa 5 Prozent Hamster-Produkten sei manuelles Eingreifen und die Erstellung neuer Regeln im System nötig gewesen. Diese rund 5 Prozent meldet auch der Logistikchef eines anderen großen LEH-Filialisten.

Der Edeka-Manager unterscheidet drei Sortiments-Typen: Erstens die absoluten Ausreißer, die den Disponenten volle Aufmerksamkeit abverlangt hätten. Zweitens Produkte mit deutlichem Absatzplus, das die Prognose-Software ohne Probleme berechnet habe. Und drittens den Rest des Sortiments, den das System wie immer gesteuert habe.

Neue Zeiten erfordern neue Regeln

Trotz der Teil-Probleme ist erstaunlich, wie schnell die moderne Prognose-Software sich auf die völlig neue Situation der Hamsterkäufe und jetzt der Shutdown-Periode eingestellt hat. Schließlich rechnen die Algorithmen auf Basis der Absätze der Vergangenheit – und so eine drastische Veränderung des Einkaufsverhaltens gab es noch nie seit der Entwicklung dieser Software. Auch Systeme mit Machine Learning können unmittelbar nur berechnen, was es schon gab. Sie wurden mit historischen Daten trainiert.

Doch die meisten Händler haben sofort reagiert und der Software manuell beigebracht, dass die Zeiten von Hamsterkäufen und aktuell Shutdown Sonderperioden sind. Damit hatte die Auto-Dispo wieder einen passenden Referenzrahmen. So hat Rossmann zusätzlich zu den aus anderen Gründen in seiner Software angelegten 18 Ereignissen fünf weitere "Prioritäten" definiert, die sein Prognose-System von Relex jetzt bei entsprechenden Zahlen benutzt.

Ähnlich dm und Edeka, die beide das SAP-Programm F&R einsetzen. dm-Geschäftsführer Bodi beschreibt den Königsweg so: "Auf Basis ausgeklügelter Software greifen erfahrene Disponenten und Logistiker ein – nur so war ein Chaos zu verhindern."

Logistik-Optimierung unverzichtbar

Fast noch wichtiger als richtige Prognosen waren in der schlimmsten Hamsterzeit die von der Auto-Dispo berechneten Optimierungen der Logistik. Die begrenzte Kapazität der Verteilzentren und der Lkw-Ladeflächen musste optimal ausgenutzt werden. Außerdem galt es, Mangelartikel vernünftig auf die Filialen zu verteilen.

Für die Bewältigung dieser Aufgaben war eine moderne Auto-Dispo nach Ansicht aller von der LZ befragten Logistik-Chefs unverzichtbar. Nur durch die Automatisierung der meisten Vorgänge hätten Disponenten und Logistiker Zeit gehabt, sich um die echten Problembereiche zu kümmern. In manchen Sortimenten hieß die Aufgabe, "beschaffe alles, was du kriegen kannst", beschreibt der Edeka-Manager die Dringlichkeit.

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