Blockchain: Mögliche Kettenreaktion
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Die Blockchain-Technologie ist durch die Kunstwährung Bitcoin bekannt geworden. Manche halten sie für revolutionär, andere für gefährlich oder einfach für überschätzt. GS1 Germany wird noch dieses Jahr einen Test in der Lieferkette starten.

Der Blockchain werden sagenhafte Kräfte zugeschrieben. Sie soll Banken überflüssig und Lieferketten transparent machen. Sie soll sogar den Briten beim Brexit helfen. Logistikexperten hoffen, mit der Datentechnologie die aufwendige Zollabfertigung, die beim grenzüberschreitenden Transport ab 2019 droht, zu beschleunigen. Banken zittern vor möglichen Auswirkungen der Blockchain. Sie fürchten, ihre Position als Vermittler in Zahlungsprozessen zu verlieren, in der sie heute an jeder Überweisung und jedem Kreditkarteneinsatz der Konsumenten verdienen. Die Zukunftsforscher des Gottlieb Duttweiler Instituts haben der Datenkette ein "Blockchain Manifest" gewidmet. Darin sagen sie das Ende von Plattformen voraus. Diese werden heute etwa von Google, Apple, Facebook oder Amazon erfolgreich betrieben.

Selten wird einer Grundlagentechnologie – mehr ist die Blockchain bisher nicht – derart revolutionäres Potenzial zugetraut: In einer Blockchain-Welt kann jeder mit jedem Geschäfte übers Internet abschließen. Geld wird ohne Bestätigung durch eine zentrale Institution sicher vom Händler an den Bananenproduzenten übertragen. Es braucht dazu keine Vermittler mehr – zumindest theoretisch. Professor Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance meint, dass die Blockchain-Technologie die Art und Weise, wie Geschäfte getätigt werden, dramatisch verändern wird. Prozesse werden schlanker, Gebühren für bargeldloses Bezahlen fallen weg oder schrumpfen zumindest.


In der Praxis muss die Technologie beweisen, dass sie das leisten kann. Staaten müssten rechtliche und regulatorische Voraussetzungen schaffen. Außerdem müssen sich die beteiligten Personen und Unternehmen etwa entlang der Supply Chain einigen, wie sie interagieren. Die Standardisierungsorganisation GS1 wird dieses Jahr einen Test starten, um die Möglichkeiten in der Logistik zu prüfen.

Keine Frage der Technik, sondern des Vertrauens

Was einmal als Datenblock in der Blockchain gespeichert ist, gilt als fälschungssicher und nicht mehr veränderbar. Doch wer garantiert, dass die Ursprungsinformationen, etwa beim Erzeuger der Bananen, richtig eingegeben wird? Das ist keine Frage der Technik, sondern des Vertrauens.

Vieles ist noch Zukunftsmusik bei dem Thema. Die Blockchain ist beileibe kein Massenphänomen. Walmart testet sie in China für die Rückverfolgung von Schweinefleisch. Über Ergebnisse ist nichts bekannt. Doch selbst Kritiker sagen, dass sich Unternehmen heute schon mit der Blockchain beschäftigen sollten.

Was ist die Blockchain?

Die Blockchain besteht aus verschlüsselten Datenblöcken, die per Internet transportiert werden. Alle Aktionen werden dezentral von allen Teilnehmern einer Kommunikationskette gespeichert. Alle sehen alles (Transparenz). Einmal eingegebene Daten sind unveränderbar (Fälschungssicherheit). Bei Lebensmitteln könnten Erzeuger, Produzenten und Händler künftig damit Geschäfte und Zahlungen abwickeln. Der Bitcoin ist das bekannteste Blockchain-Produkt.

Das bekannteste Produkt ist das Kryptogeld Bitcoin, dessen Wert gerade durch die Decke geht. Am Sonntag übersprang die auf verschiedenen Plattformen gehandelte Kunstwährung erstmals die Marke von 4 000 US-Dollar für einen Bitcoin. Bitcoins werden nicht gedruckt oder geprägt, sondern "geschürft". Man kann sie nicht anfassen, sie glänzen nicht. Trotzdem bietet sich der Vergleich mit Gold an, um zu erklären, wie die digitalen Münzen entstehen.

Bitcoins werden "geschürft"

Sie werden von sogenannten Minern geschürft. Das bedeutet, sie werden in Serverfarmen durch hochkomplexe Rechenoperationen hergestellt. Heute meist durch Einzelpersonen, künftig wohl verstärkt von kleinen und mittleren Unternehmen – in China und Singapur, aber auch in München und Frankfurt. Gold ist wertvoll, weil es knapp ist. Die Menge an Bitcoins wurde analog dazu von vornherein künstlich begrenzt – auf 21 Millionen Coins. Es ist mit hohem Aufwand verbunden, nach Gold zu graben. Die Bitcoin-Herstellung wurde künstlich erschwert, durch komplizierte mathematische Operationen. Das hat Nachteile: Die Server fressen sehr viel Energie, und es werden riesige Speicherkapazitäten benötigt.

Bitcoins unterliegen keiner staatlichen Kontrolle etwa durch Notenbanken, sie sind keine Devisen. Ihr Wert schwankt extrem, was hohe Risiken für Anleger birgt. Es gibt keine Ansprechpartner in der Bitcoin-Welt, die von drei Interessengruppen gestaltet wird: Der Community der Softwareentwickler, die den Programmcode pflegen, den Minern, die das System operativ betreiben, und den Wechselbörsen, die für den Tausch in echte Währungen wie Euro oder US-Dollar sorgen.

In anderen Ländern existieren sogar Bitcoin-Geldautomaten für den Wechsel in echtes Geld. Über 500 befinden sich laut Statista in den USA und 135 in Kanada. In Europa ist Großbritannien mit rund 50 führend. Deutsche Konsumenten können immerhin beim Essensbringdienst Lieferando mit dem Bitcoin zahlen.

Noch keine Alternative

Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Bearing Point sind virtuelle Kryptowährungen deutschen Online-Nutzern weitgehend bekannt, aber noch keine Alternative. Nur etwa ein Drittel der Befragten hält virtuelle Zahlungsmittel für vertrauenswürdig hinsichtlich ihrer Preisstabilität. Verbraucher vertrauen am stärksten der Stabilität des Goldes (81 Prozent), gefolgt von staatlichen Währungen wie dem Euro (69 Prozent).

Nicht nur der Finanzsektor ist betroffen. Die Blockchain könnte im Internet der Dinge und für die Industrie 4.0 eine wichtige Rolle spielen. Auf ihr lassen sich sogenannte Smart Contracts aufbauen, mit denen Geschäftsprozesse automatisiert werden. Sie sollen traditionelle Verträge zwischen Unternehmen ersetzen. So würde zum Beispiel eine geleaste Maschine automatisch ihren Betrieb einstellen, wenn der Betreiber seine Mietrate nicht bezahlt. Ohne menschlichen Eingriff könnte eine vereinbarte Zahlung veranlasst werden, sobald Waren beim Händler eintreffen.

Wenn die Technologie so eingesetzt wird wie skizziert, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf Mitarbeiter und Arbeitsplätze. Die Geschäftsmodelle von Vermittlern wie Banken werden direkt angegriffen.



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